Mal anders gearbeitet

 

„Klar kann ich das kurzfristig noch heute machen“, sage ich, füge aber hinzu „Du weißt schon, dass Feiertag ist?! Ich sitze nur zufällig am Rechner, weil ich kinderfrei habe und ein bisschen an meinem Blog schreiben wollte…“ Völlig untypisch und ungewohnt höre ich mich dann auch noch sagen „Ich muss das jetzt leider zusätzlich berechnen. Mit einer kleinen Wochenendzulage.“ Überrascht von mir selbst versuche ich flapsig die Tatsache herunterzuspielen, dass der Job bereits fertig und abgerechnet ist und ich nun (nach diversen Kulanzleistungen, über die ich kein Wort verloren habe) gerne für weitere Leistungen bezahlt würde „Ein Hockeyschläger müsste das schon sein… aber die Hallenschläger sind günstiger“.

Der Kunde lacht – für ihn war das eh selbstverständlich. Selbstverständlich ist auch das „Du“zen und der persönlich lockere Umgang mit Auftraggebern. KEINESWEGS  SELBSTVERSTÄNDLICH  FÜR  MICH  ist jedoch, dass ich mir tatsächlich herausnehme auch „Kleinkram“ abzurechnen – obwohl mir meine Arbeit Spaß macht, leicht von der Hand geht und ich echt schnell bin…

 

Aber mal von Anfang an.

 

Ich bin freiberufliche Werbetexterin. Über 25 Jahre lang gab es bei mir „täglich frische Buchstaben“. Aber seit etwa 5 Jahren arbeite ich nicht mehr wirklich. Dabei ist der berufliche Einbruch sicherlich größtenteils dem Krebs geschuldet (siehe „Meine Vita“)“, aber nicht ausschließlich (siehe auch den Gastbeitrag meiner ehemaligen Kollegin Hasi).

 

Sicher gab es nach Abschluss der Therapien zur Erstdiagnose in 2012 das eine oder andere Jöbchen, das ich dann mit überproportionalem Aufwand (um mehr Zeit mit den geliebten Buchstaben zu verbringen) für unverhältnismäßig wenig Geld gemacht habe. Und ja, es gab hin und wieder auch größere Anfragen – von so genannten Direktkunden, die keine Ahnung hatten, was ein Texter tut, was er braucht, um arbeiten zu können und erst recht nicht, was Texter kosten. Längst sind die goldenen Zeiten meiner Branche, in denen ich von Werbeagenturen gebucht wurde und mir mit Unmengen an Aufträgen eine goldene Nase verdient habe, vorbei. Jetzt finden mich potenzielle Kunden über Google und sind der Annahme (da ich in Lev ansässig bin) ich sei ein billiges kleines Schreibstübchen in der Vorstadt und würde mal eben für ‘nen Hunni ein Werbekonzept mit Firmennamen, Unternehmensslogan und programmierter Homepage erstellen. Entsprechend solcher Budgetvorstellungen ist auch mein Selbstwertgefühl immer geringer geworden. Aus monetären Gründen habe ich mich aber trotzdem immer wieder auf stundenlange Vorgespräche, das Durcharbeiten von ungefiltertem unbrauchbaren Basismaterial eingelassen und mühsam mit allerspitzestem Bleistift Kostenorientierungen (inklusive definieren der ToDos und ihrer Abfolge) erstellt. Nur um dann gar nichts mehr zu hören oder bestenfalls eine höfliche Absage zu erhalten, in der man mich davon in Kenntnis setzt, dass sie selbst texten und der 14-jährige Neffe von Bekannten die Homepage machen würde.

 

Als meine liebe Freundin Caro fragte, ob ich mich körperlich fit genug fühlen würde das Projekt eines Direktkunden textlich zu betreuen für das sie selbst gerade fotografierte Caroline Sieg Photographie, war ich mehr als skeptisch… Es galt rund 80 Produkte für einen neu geplanten Online-Shop kreativ und infotaining zu beschreiben – das wäre auch in fitten Zeiten ordentlich Holz. Aber ganz abgesehen davon, wie das monetär honoriert werden würde, kam es vor allem darauf an, wie knapp der Abgabetermin gesetzt war. Lust hatte ich schon. Aber was, wenn ich inzwischen zu langsam war, um die Deadline zu schaffen? Und was, wenn mir überhaupt mittendrin die Puste ausginge?

 

Da hat der Krebs – eines der wenigen Male – etwas Positives mit sich gebracht: ich habe gelernt, oder zumindest immer wieder geübt, MEINE  EIGENEN  BEFINDLICHKEITEN  nicht mehr hinter die anderer zu stellen – und erst recht nicht hinter die Fremder.

 

Warum sollte ich mir vorab Gedanken darüber machen, wie es der Kunde lösen könne, falls mir mittendrin die Puste ausginge? Wahrscheinlich würde eh alles rund laufen.

 

Auch hat mich der Krebs gelehrt: lebe, handle und denke im JETZT !

 

Interessanterweise hat der Krebs auch Einfluss auf mein „Lampenfieber“ genommen… Bei größeren Projekten in Bereichen, die ich zuvor noch nicht auf dem Tisch hatte, habe ich im Vorfeld nämlich immer mit mir gehadert: mich gefragt, ob ich den Kern der Materie verstehen würde? Ob ich gut genug sei, etwas richtig Gutes daraus zu machen? Ob ich mit dem Kunden klarkommen würde – vielmehr er mit meiner undiplomatischen, aber stets der Sache dienlichen Art? Dieses Mal hatte ich jedoch das innere Selbstbewusstsein, dass ich trotz verminderter Leistungsfähigkeit mehr als gut genug für den Job war. Schließlich erwartete niemand überengagierte 200 Prozent, sondern eine anständige saubere Leistung. Und so habe ich es sogar – ohne Angst, aufgrund dessen den Auftrag möglicherweise nicht zu bekommen –freundlich, aber selbstbewusst abgelehnt „Probetexte“ zu verfassen. Ich habe ein paar meiner Texte aus Broschüren für Kenwood und De Longhi gescannt, in denen es um ähnliche kleine Produkttextchen ging und dem Kunden gemailt. Zudem habe ich auf meine (inzwischen nicht mehr ganz aktuelle) homepage mit Textbeispielen und Referenzen verwiesen. Ich habe mich einfach mal nicht mit hausgemachtem Druck gestresst. Selbst als die Auftraggeber meinten, sie wollten auf dem Weg zum Golfen in Leverkusen mal bei mir vorbeikommen, um mich persönlich kennenzulernen und detailliert zu briefen, habe ich gerade mal eine Sekunde darüber nachgedacht, was sie wohl über meine Glatze denken und wie sie es finden würden, dass bei mir alles voller Kartons stand (da nachmittags in meinem Haus gedreht werden sollte). Es gab eine handgemachte Latte Macchiato, Kompetenz und Erfahrung ‚on the job‘ sowie gechillte Authentizität.

 

Und ich habe den Zuschlag erhalten.

 

 

Hätte ich mir einen Job wünschen dürfen, wäre es genau dieser gewesen.

Keine umfangreiche Dachkonzeption, keine endlos langen Strategiepapiere, einfach nur häppchenweise ca. 5 Texte am Tag verfassen – über schöne wertige Dinge.

 

 

 

Auch die Honorar“verhandlungen“ verliefen unkompliziert. Ich habe keine aufwendige Kostenorientierung erstellt – was bei homepages auch echt schwierig ist, da diese organisch wachsend entstehen und man kaum alle ToDos vorab überblicken kann – sondern einfach mal den Ball ins andere Feld gespielt und nach dem verfügbaren Budget gefragt… Per Handschlag haben wir dann besiegelt, dass ich innerhalb dieses Rahmens bleiben bzw. vorwarnen würde, sollten gewünschte Zusatzleistungen das Budget überschreiten. Da es aber genügend Luft nach oben gab, habe ich nicht immer die Uhr mitlaufen lassen und war entspannter Weise nicht bei jedem Extra zu einem „das kostet jetzt aber extra“ genötigt. Ich habe es genossen, mein 200-Prozentiges-Naturell ausleben zu können, mir Zeit für die eine oder andere Zusatzrecherche zu nehmen, hier und da auch mal ungefragte Optimierungsvorschläge zu machen (es war sogar noch ein 10-seitiges Konzeptpapier drin). Mit Fragen oder Änderungswünschen oder Ergänzungen auf Zuruf nach Geschäftsschluss, am Wochenende oder am Feiertag habe ich es auch nicht so genau genommen. Und als das Budget erschöpft war (die Rechnung auch schon bezahlt) und die Kulanzleistungen ausgereizt, habe ich klar gesagt, dass die Uhr ab jetzt wieder läuft. (Wie bereits eingangs geschrieben wäre das für mich früher nicht selbstverständlich gewesen – für den Kunden war’s völlig ok und nachvollziehbar.)

 

Noch eine Lehre des Krebses: man muss das Leben nicht komplizierter machen als es ohnehin schon mit einer chronischen Erkrankung ist.

Es hilft, sich zunächst selbst klar darüber zu werden, was man will und was eben nicht – und dann gilt es, dies durchzusetzen – was übrigens auch ohne bockiges mit den Füßen aufstampfen „jetzt bin ich aber mal dran“ ganz prima funktioniert.

 

Nun freue ich mich erst einmal über die nette Einladung, mit allen Projekt-Beteiligten Ende November essen zu gehen und dabei die anderen Dienstleister kennen zu lernen – auch das ist nämlich keinesfalls selbstverständlich. Zudem drücke ich Sabine und Quirin ganz dolle die Daumen für den Kick-off ihres Online-Shops für „Dinge von Wert“. Wäre schön, wenn da eine „langfristige“ Zusammenarbeit entstünde.

 

Schaut doch mal rein,

vielleicht findet Ihr ja das eine oder andere Weihnachtsgeschenk.

 

 

Ich aktiviere den Link, sobald der Shop on air ist.