Atlasgebirge

Reiseimpressionen von Marokko | 21.11.2015 – 05.12.2015

 

Der zweite Teil meiner Traumreise (zum Abschluss der Therapien nach ED Brustkrebs 2012) führt durch das Atlasgebirge.

 

Denn um von Marrakesch zu dem kleinen Dörfchen Merzouga am Rande der Westsahara zu gelangen – wo wir auf Kamele umsatteln würden, um zu unserem Yoga-Camp inmitten der Wüste zu gelangen – mussten oder vielmehr DURFTEN wir die südlichen Ausläufer des Hohen Atlas durchqueren.

 

Das Atlasgebirge ist mit mehreren 4000er-Bergen die höchste Gebirgskette Nordafrikas und erstreckt sich etwa 2.300 Kilometer weit über die Staaten Tunesien, Algerien und Marokko. In der griechischen Mythologie markierte das Gebirge das westliche Ende der damals bekannten Welt. Hier stand der zu Stein erstarrte Titan Atlas, dazu verdammt das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen. Heute wird das größtenteils im Tertiär (vor ca. 65 Mio. bis etwa 1,8 Mio. Jahren) entstandene Faltengebirge aufgrund seiner Entstehungsgeschichte unterteilt in Rif Gebirge, Mittlerer Atlas, Hoher Atlas und Anti-Atlas (der sich bspw. bereits im Jungpaläozoikum vor ca. 300 Mio. Jahren bildete). Von Ost nach West 300 Kilometer breit, nimmt der gewaltige Gebirgsriegel gut zwei Drittel der Gesamtbreite Marokkos ein.

 

Nach dem Motto „auch der Weg kann ein Ziel sein“

fuhren wir mit dem Minibus durch die südlichen Ausläufer des Hohen Atlas.

 

Felsen rötlich schimmernd. Kleine Getreidefelder von fast unwirklich intensivem Grün. Perfekt in die Landschaft eingepasste Dörfer aus Stampflehm und Steinen. Mit Impressionen wie diesen nahmen wir Fahrt auf…

 

Das gesamte Atlasgebirge wird bis heute weitgehend von Berbern besiedelt.

Schätzungsweise 30-35 Prozent der marokkanischen Bevölkerung haben arabischsprachige Vorfahren (Eroberer oder Einwanderer). Etwa 65-70 Prozent stammen aus Familien von Masiren und Berbern, die als die „Ureinwohner“ Nordafrikas gelten. Das sidn einige Millionen Mnecshen – und diese leben im Atlas größtenteils einen Alltag, der sich nur wenig von dem ihrer Vorfahren unterscheidet. Zwar haben Parabolantennen, Sonnenkollektoren, Autos und Wasserpumpen Einzug gehalten in den Bauerndörfern, doch in den meisten Regionen des Atlasgebirges werden die Felder noch immer auf archaische und aufwendige Weise bestellt.

 

Die Berber sind Pflugbauern mit Bewässerungskulturen und halbnomadische Viehzüchter.

Sie selbst nennen sich Amazighten oder Imazighten – „freie Menschen“. In den unwegsamen Bergtälern haben sich an das Überleben unter schwierigen Bedingungen angepasst. Wasser ist knapp, nur in der Winterzeit ist der Wasserstand in den Flussoasen hoch genug, so dass sie ihre Felder bebauen können. Im Frühling werden die Schaf- und Kamelherden in die Berge getrieben. Einige Dorfbewohner bleiben zurück und bestellen die Felder, bis ihre Familien im Herbst wieder ins wärmere Tal zurückkehren. Die Männer kümmern sich um das Vieh, die Frauen um die Familie und die Verarbeitung der Produkte aus der Tierhaltung.

Schon immer haben die Berberfrauen Öl für den Hausgebrauch hergestellt. Seitdem das kostbare Aganöl sowohl Einzug in die westliche Bioküche als auch in die Kosmetikindustrie genommen hat, arbeiten viele Berberinnen in der Produktion des „flüssigen Golds“.

 

Das Aganöl

Die Herstellung von Arganöl wird traditionell von marokkanischen Berberfrauen durchgeführt. Das Öl wird aus den Mandeln des Fruchtkerns der geschälten Argannüsse extrahiert. Dies ist aufwendig und erfordert viele Stunden harter körperlicher Arbeit und führt auch zu häufigen Verletzungen, da die Argannüsse zu den härtesten der Welt gehören.

 

Der Arganbaum

Um einen Liter kosmetisches Arganöl zu gewinnen sind etwa um die 50 Kilo Argantrockenfrucht notwendig – dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Produktion von einem einzigen Arganbaum. Bis zu fünfzehn Meter hoch können die dornigen Riesen aufragen, manche Krone bringt es auf einen Umfang von siebzig Metern. Dennoch war sein Bestand in Gefahr. Überweidung durch Ziegen und Kamele sowie das Fällen zur Brennholzgewinnung ließen die Bestände schrumpfen. 1998 hat die Unesco daher die verbleibenden Argan-Kulturen zum Biosphärenreservat erklärt. Seither unterstützen internationale Hilfsorganisationen auch den Aufbau von Kooperativen, die im Kollektiv das kostbare Öl herstellen.

Knapp fünfzig Kooperativen, in denen die Mitarbeiterinnen direkten Anteil an der Wertschöpfung haben, gibt es inzwischen im Südwesten Marokkos. Ein Besuch bei den fleißigen Nussknackerinnen mit Kauf eines Fläschchens Arganöl als Mitbringsel leistet einen direkten Beitrag zur Existenzsicherung der Berberfamilien.

 

Die Berberfrauen hatten ehemals eine machtvolle Stellung in der Großfamilie.

In einigen Stämmen wurde sogar die Erbfolge von den Frauen bestimmt. Frauen hatten aber religiöse und auch militärische Führungspositionen inne, wie etwa Kahina, die sich im 7. Jh. den einfallenden Heeren der Araber entgegenstellte. Noch im Mittelalter wurden die meisten Berberstämme von Frauen geführt. Als jedoch der Islam Nordafrika eroberte, übernahmen zahlreiche Berbervölker die islamische Religion und Kultur. Die Männer übernahmen die Führung der Stämme. Und auch wenn Berberfrauen heute noch immer mehr Freiheiten besitzen als Frauen in arabischen Gesellschaften, so verloren sie ihren Einfluss und ihre gesellschaftliche Stellung.

 

Um einen echten Einblick in das Leben der Berber zu bekommen, müsste man sich auf eine Trekkingtour durch die Gebirgswelt begeben und hier und dort in einem der Bergdörfer ein paar Tage verweilen… Vom Minibus aus bleibt diese Welt unter Glas. Dennoch war es atemberaubend zu sehen, wie sich die Landschaften des Atlas verändern, während sie an den Panoramascheiben vorbeizogen.

 

 

 

 

 

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