Auge in Auge

mit „Du weißt schon wer“

 

 

 

Als 2012 eine Nachbarin wegen meiner Brustkrebs-Diagnose weinend auf meiner Terrasse ihr Beileid bekundete

und mich unter Tränen fragte: „Hast Du mit den Kindern darüber gesprochen, dass Du am Krebs sterben könntest?“

war ich gleichermaßen geschockt und sauer.

 

Nicht nur waren meine Kinder erst 5 und 9 Jahre alt, sondern bei Brustkrebs besteht immerhin eine 80-prozentige Heilungschance. Ich sah gar keine Notwendigkeit, mich mit dem Tod zu befassen – zudem half mir die Verdrängung, mein empfindliches Gleichgewicht zu wahren…. Die Frage meiner Nachbarin bescherte mir jedoch mehrere Wochen Angst und Sorgen. Jeden Abend und jeden Morgen krabbelte mir ihr Frage über die Bettdecke. Es verlangte viel Kraft und harte Verdrängungsarbeit, den Gedanken an meinen Tod und vor allem daran, meine Kinder nicht bis zu der Zeit in der sie selbst Kinder haben würden begleiten zu können.

 

Bei meinem ziemlich heftigen ersten Rezidiv 2016 habe ich dem Tod zwar ins Auge gesehen

– allerdings habe ich mich auf dem Absatz umgedreht und bin MEINES Weges gegangen.

 

Nachdem ich – zwar noch recht wackelig – aber immerhin wieder auf den Beinen war, empfahl mir die Jüngste der Sechs Seeröschen (eine Truppe von Brustkrebsüberlebenden, die ich in meiner ersten AHB in Scheidegg im Allgäu kennen gelernt habe und mit denen ich seitdem jedes Jahr ein paar Tage wandern gehe) mal in Facebook-Gruppe „Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden“ hereinzuschauen. Es hat übrigens sehr lange gedauert, bis ich den anderen Seeröschen von meinem Befund berichtete – ich wollte ihnen keine Angst machen. Zudem hatte ich das Gefühl nicht mehr dazu zu gehören. Ich war jetzt nicht mehr in der grünen, sondern in der roten Gruppe.

 

Die „rote Gruppe“ – das waren die Fortis, eine geschlossene Facebook-Gruppe um deren Aufnahme man sich mit seinem Befund „bewerben“ musste. Nur mit metastasiertem MammaCa konnte man dem kleinen Kreis von rund 250 Frauen aus Deutschland, Österrich und der Schweiz beitreten.

 

Ohne wirklich genau zu wissen, was auf mich zukommen würde habe ich Kontakt zu einer der drei Admins der fb-Gruppe aufgenommen. Sehr offen machte sie mich darauf aufmerksam, dass es nebst dem Austausch zu Befindlichkeiten und Therapien auch immer mal wieder schlechte Nachrichten geben würde und ich mir dies bewusst machen solle, bevor ich der Gruppe beitrete. Mich selbst eher in der Rolle der Mitleserin und Beobachterin sehend, bin ich beigetreten.

 

Aufgrund meines Abonnentinnen-Status wurde ich per Mail informiert, sobald sich etwas auf der Site regte… und die Kommunikation war recht rege:

 

Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden
Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden
Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden
Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden
Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden
Fortgeschrittener Brustkrebs mit Mietnomaden

 

Es hagelte täglich rund 20 Benachrichtigungen. Meine bis dato erfolgreiche Verdrängung, dass ich eben nicht zu „denen“ gehörte wurde mit dem sich ständig wiederholenden Betreff zunehmend erschüttert, bröckelte mehr und mehr und drohte schließlich einzubrechen… Ich habe die Benachrichtigungsfunktion ausgestellt.

 

Bis Anfang 2018 – über mein Rezidiv hinaus

und den amtlichen Metastasen-Befund –

fühlte ich mich immer noch

als Außenstehende,

die nur hin und wieder ihren Senf dazu gab.

 

Dann verstarb eine der drei Admins (ein „unkaputtbares“ Urgestein), eine andere Admin begann mit Hirnmetas um ihr Leben zu ringen und eine dritte Frau, deren Beiträge und Kommentare ich immer sehr schätzte, schrieb offen, dass 2018 wohl ihr letztes Jahr sein würde.

 

Die Einschläge kamen unverdrängbar nah. Auch kannte ich inzwischen einige der so genannten „Engel“, die monatlich über die „Regenbogenbrücke“ gingen. Ganz gleich wie kitschig ich dieses Wording finde und wie wenig spirituell oder gläubig ich bin, es berührte und bewegte mich – machte mir meine eigene Endlichkeit mit jeder traurigen Bekanntmachung bewusster.

 

Jetzt könnte man natürlich fragen, warum ich es mir angetan habe in dieser Gruppe zu bleiben? Tja, die Themen und Inhalte wurden halt zunehmend relevanter für mich. Ich konnte die Augen gar nicht mehr vor der rauen Realität verschließen.

 

Augen auf und durch hieß es dann unabwendbar am Mittwoch, den 7. März 2018.

 

Der Mann meiner herzallerliebsten Freundin hatte seine Darm- und Leberkrebs-Diagnose vor 2,5 Jahren erhalten (etwa gleichzeitig mit meinem Meta-Befund)…. In den letzten Wochen war es ihm zunehmend schlechter gegangen: Geplatzte Abszesse in der Leber, Not-OPs mit Bluttransfusionen und immer die Frage, schafft es der Körper nochmal oder nicht… An besagtem Mittwoch war meine Freundin derart aufgelöst, dass mich die Sonnige Sonni kurzentschlossen abends nach Köln gefahren hat „Ich seh’ das doch: Du tigerst hier auf und ab – Du willst bei Deiner Freundin sein…“

 

Auf dem Weg zur Uniklinik habe ich hin und her überlegt, wie ich für meine Herzallerliebste da sein und gleichzeitig die Wünsche ihres Mannes respektieren könne. Er und ich hatten nämlich ein kompliziertes Verhältnis zueinander. Es gab seine Eifersucht auf mich (als BFF seiner Frau, die ALLES! über ihn wusste) und es gab das Kreativitätsgerangel (wir kamen aus derselben Branche: Werbung). Es gab aber auch den ähnlichen Humor und die gleiche Freude an Details (die ich in seinem Umfeld von Kunstbanausen ebenso wie er wahrnahm und schätzte). Und dann kam noch unser beider Krebs dazu (wer zeigte mehr Stärke im Einstecken). Er entschied sich, mir am liebsten nicht zu begegnen. Das letzte Mal hatte ich den Mann meiner herzallerliebsten Freundin also zwei Jahre zuvor auf ihrem Fünfzigsten gesehen….

 

Wie also sollte ich mich ihm nicht aufdrängen, aber dennoch meiner Freundin zur Seite stehen??? Dass ich meinem eignen Tod ins Auge sehen würde war da zweitrangig.

 

In der Desinfektionsschleuse zur Intensivstation begegnete ich meiner Freundin. „Lass mal, Yvy. Fahr wieder nach Hause….“ murmelte sie durch den Mundschutz. Und so hat mich die Sonnige Sonni nach knappen 3 Minuten in der Uniklinik wieder 25 Minuten durch die Stadt nach Lev zurückgefahren.

 

Am darauffolgenden Tag bin ich mit dem eigenen Auto wieder nach Köln. Hatte etwas zum Lesen und zum Essen dabei und war bereit, mich stundenlang in einen Besucherbereich oder auf einen Gang zu setzen, um da zu sein, wenn mich meine Freundin brauchte… „Komm rein – er kriegt kaum noch etwas mit….“ Und da lag er. Schütter, mit eingefallen Wangen ohne Zähne wie ein Greis. Gelb von der disfunktionalen Leber und mit aufgeblähtem Rumpf vom Wasser, welches der Körper nicht mehr abtransportieren konnte. Ich habe mich in eine Ecke des Raumes verzogen und fünf Stunden lang auf das gestarrt, was von einem sehr präsenten Mann übrig war.

 

In einem der seltenen wachen Momente schien er mich aber gesehen zu haben… Er runzelte die Stirn und grummelte so etwas wie „peinlich“… Daraufhin habe ich die Mütze abgenommen und meinen raspelkurzen Chemo-Look bloß gelegt… Kurz bevor ich gehen musste, habe ich dann allen Mut zusammengenommen, mich erhoben, ihn laut angesprochen, mit großer Geste ausladend gewunken und „Tschüss, bis dann“ gerufen… Er hat gelächelt und zurück gewunken.

 

Wie gesagt, ich bin Meisterin der Verdrängung, weil ich erstens Angst vor dem schwarzen Nichts habe und zudem noch die blanke Panik vor dem Sterbeprozess an sich (Schmerz, Kampf, Angstzustände)… Und so hat es mich extrem viel Überwindung und auch Kraft gekostet, meiner herzallerliebsten Freundin zur Seite zu stehen – vor Ort, in der Kölner Uniklinik im Krankenzimmer ihres Mannes.
Ganze zwei Tage.
Länger hat es auch nicht gedauert.

 

Am Freitag den 9. März um 12.38 Uhr habe ich dem Tod ins Auge gesehen.

 

Wir waren zu sechst (inkl. Palli-Arzt, meiner herzallerliebsten Freundin und ihrer fast 16-jährigen Tochter) und hatten gerade die Karten von Skip-Bo ausgepackt, die nach Sommer, Sonne und Meer rochen und beim Mischen vom Sand knirschten (sie haben es immer am Strand in Frankreich gespielt) als mich plötzlich das Gefühl überkam, ich müsse ganz schnell das Krankenzimmer verlassen. Ich hatte plötzlich die blanke Panik, ich könne Zeuge eines grausamen Todeskampfes werden – und so hielt ich bereits meine Jacke in der Hand, als meine Freundin den Palli-Arzt fragte, wie lange es wohl noch dauern würde… Dieser (ein absolut großartiger Mensch) antwortete ruhig mit einem Hauch von Lächeln: „Es ist gerade geschehen.“ In dem Moment als wir uns mit den Regeln des Kartenspiels auseinandersetzten hat der Mann meiner Freundin losgelassen und ganz entspannt seinen letzten Atemzug getan.

 

Schmerz- und angstfrei!

 

So haben er und ich uns auf seinen letzten Metern noch gegenseitig ein großes Geschenk gemacht:
Ich habe an der Seite seiner Frau (und auch ihm zuliebe) meinem eigenen Tod in die Augen gesehen…
umgekehrt hat er mir durch seinen unaufgeregten friedvollen Abgang einen großen Teil meiner Angst vor dem Tod genommen.

 

Ich bin sehr dankbar dafür, miterlebt zu haben wie gut die moderne Medizin funktionieren kann (und natürlich hat auch mit hineingespielt, dass er im Kreise seiner Lieben nicht allein war).

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Auge in Auge

  1. Liebe Yvonne, habe eben erst begonnen, mich hier auf deinem Blog umzusehen. Das, was ich bisher gesehen habe, gefällt mir sehr. Oder um es klar zu sagen: Die Frau, die hinter diesen Texten steht, gefällt mir sehr. Ach so, vielleicht sollte ich erwähnen, dass wir auf Insta schon ein bisschen Kontakt hatte, ich bin suusl01. Die Geschichte über den Mann deiner Freundin berührt mich, wie könnte sie auch nicht. Ich bewundere sowohl deinen Mut als auch deine Unbeirrbarkeit, die dich da sein lässt, obwohl deine Freundin dich ja zunächst wieder nach Hause geschickt hat. Ich gehöre, wie du weißt, nicht zu den „Betroffenen“, bin also nicht an Krebs erkrankt. Habe allerdings auf Insta ein paar Mädels kennengelernt und bin insofern eine, die am Rande stehend ein bisschen miterlebt, was da passiert. Völlig unabhängig davon habe ich, auch wenn sich das vielleicht komisch anhört, so einige Erfahrungen mit dem Sterben gesammelt. Bin seit ganz vielen Jahren ehrenamtliche Hospizhelferin. Keine Sorge, ich werde dich hier jetzt nicht ungefragt mit irgendwelchen Geschichten belästigen, es gibt nur eine einzige Sache, die ich dir sozusagen als Anmerkung zu deiner Geschichte sagen möchte: In über 20 Jahren, die ich diesen Job nun schon mache, habe ich viele Menschen sterben sehen. Sehr verschiedene Menschen, die auch sehr unterschiedlich mit ihrem Sterben umgegangen sind. Eines allerdings habe ich noch nie, kein einziges Mal erlebt: das, was man Todeskampf nennt. Ich schließe natürlich trotzdem nicht aus, dass es so etwas geben kann. Aber, wie gesagt, die Menschen, die ich begleiten durfte, sind dank einer großartigen palliativen Versorgung, wirklich einfach eingeschlafen und haben dann irgendwann im Schlaf den letzten Atemzug getan. Am Ende gab es keine Ängste, keine Panik, keine Schmerzen und keine Luftnot oder ähnliches. Das Sterben war niemals ein Horror, das Leben der Menschen zuvor leider schon. So und jetzt habe ich viele Worte gebraucht…. Ich wollte das einfach gesagt haben.

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