Außen vor

 

Mit den Jahren habe ich einen recht großen Pool an Freunden und Bekannten aufgebaut. Schon immer haben mich Menschen angezogen. Vor allem solche, die eigenwillig sind und Eigenschaften haben, die ich selbst nicht besitze. Witzelnd bezeichne ich mich gerne als „Frauensammlerin“. Und zwar nicht etwa, weil ich lesbisch wäre (was auch egal wäre, aber nun einmal nicht so ist), sondern weil sich Beziehungen zu Frauen – wenn ebenfalls hetero und vor allem nicht stutenbissig – um einiges differenzierter und vielseitiger gestalten, da sie eben nicht von sexuellen Erwartungen beeinflusst werden.

Ob Freundin oder Bekannte, die Beziehungen ändern sich allerdings je nachdem in welcher Lebensphase oder Situation man selbst oder die andere gerade steckt. Freundschaften bewähren sich, andere zerbrechen daran. Die einen treten in den Hintergrund, die anderen glänzen in neuem Licht. Den einen fühlt man sich mehr und den anderen weniger verbunden. Das ist alles nichts Neues und findet in der Psychologie einen sinnigen Erklärungsansatz. Es geht um Ähnlichkeitskriterien, angefangen bei statusorientierten Kriterien (wie Geschlecht, Alter, Ethnizität, Religiosität, Bildung, sozialer Status oder auftretendes Verhalten…) bis hin zu werteorientierten Kriterien (wie Fähigkeiten, Einstellungen, Überzeugungen, Wünsche und Ziele…), aber auch um die Verbundenheit durch gleiche Themen (wie etwa Orientierung in der Pubertät oder Hausbau, Schulwahl etc. – siehe Zusatzinfos weiter unten).

Ich bin beispielsweise von meiner Peergroup „in Familie lebende Ehefrau“ zur Gruppe der „alleinerziehenden Mütter“ gewechselt. Musste mich von dem statusorientierten Kriterium „gesund“ verabschieden und bin nun „chronisch krank“. Beide Veränderungen sind gravierend, meine Schwerpunkte haben sich geändert, es sind neue Themen hinzugekommen und dafür andere weggefallen – das alles musste erstmal in einen neuen, gut lebenswerten Modus transponiert werden.

Und einhergehend mit alledem haben sich auch die Beziehungen geändert, was nicht immer glücklich verlaufen ist, manches Mal Anlass zu Verletztheit oder tiefem Bedauern gab und mich hin und wieder auch wütend macht…

In einer solchen Verfassung habe ich den folgenden Text geschrieben. Meine BFFs mögen sich den Schuh bitte nicht anziehen, andere mögen ihn unbeachtet in der Ecke stehen lassen oder sich vielleicht sogar anziehen und damit mal in eine andere Richtung laufen…)

 

Die Beziehungen zu Paaren

…sind schon ab der Trennung stark zurückgegangen. Das war eine ebenso verärgernde wie schmerzliche Erfahrung. Auch wenn man sich in unparteiischer Diplomatie rein wusch – oder eben gerade deshalb. Beispielsweise wurden mein Ex und ich stets beide eingeladen – mit der Erklärung: wir mögen Euch beide. Für die Gastgeber war das the easy way out. So blieb es uns überlassen, uns die Köpfe dabei einzuschlagen, wer von uns hin geht (in der Phase als wir noch mit Besteck aufeinander hätten losgehen wollen – heute, fast 6 Jahre später, gehen wir auch gemeinsam). Wie wir uns einigen würden, konnten die Gastgeber nicht wissen. Und so war die Aussage für mich weniger „Wir haben Euch beide gleich gern“ als vielmehr „Es ist egal wer kommt – die Einladung ist eher eine Formalie und hat nichts damit zu tun, wen wir gerne sehen möchten.“ Andere haben meinen Ex sogar mit der jeweils aktuellen Freundin eingeladen (in 6 Jahren 5 verschiedene, die „offiziell“ waren). Aus Neugier? Weil sie zu zweit besser zum Thema „Pärchenabend“ passten? Da es diesen Leutchen offensichtlich nicht um mich als Person ging, sondern um meine Merkmale bezogen auf die so genannte Baseline Homophilie (siehe Definition unten) habe ich mich aus diesem Umfeld zurückgezogen. Das mag auch der Grund sein, warum wir inzwischen zwar nett miteinander schnacken, ich aber (bis auf einige sehr seltene Ausnahmen) nicht auf Pärchenabende oder Cliquen-Events eingeladen werde – vielleicht aber auch einfach, weil ich „unbemannt“ nicht dazu gehöre.

 

Die Kontaktfrequenz zu einzelnen

…ist definitiv seit der Meta-Diagnose geringer geworden. „Lass uns demnächst doch nochmal…“ passiert fast gar nicht mehr. Vielleicht liegt das an der Vorstellung, ich würde lediglich malad auf dem Sofa liegen und man könne mit mir nichts anfangen. Möglicherweise hängt es auch damit zusammen, dass ich bereits seit Jahren (schon vor der Erkrankung) so gut wie gar keinen Alkohol mehr trinke und ich als Partypuper oder gar personifiziertes schlechtes Gewissen das so genannte „feiern“ (feiern = möglichst viel Alkohol trinken) entspaßen würde?

Konkret geplante Verabredungen sind so oder so rar geworden. Man muss sich bei mir ja auch nicht festlegen – schließlich bin ich die meiste Zeit zu Hause. Da kann man einfach mal spontan anklingeln – wenn’s sich gerade mal zwischen die eigene Tagesplanung schieben lässt.

Ich sehe öfter mal Bekannte zur morgendlichen Hunderunde an meinem Küchenfenster vorbeilaufen – aber keine verabredet sich zum Gassi gehen mit mir und Eddie. Das mag zum Teil der Tatsache geschuldet sein, dass sowohl ich als auch meine etwas betagtere Bulldogge deutlich lahmer sind als sie und ihre sportlicheren Vierbeiner oder dass sie gerne allein den Kopf frei bekommen möchten – geschenkt, verstehe ich. Aber wenn sie sich vielleicht einmal die Woche oder auch nur einmal im Monat auf ‘ne lahme Runde einließen würde mich das freuen… zumal ich – wenn darauf angesprochen „…kann ich irgendetwas für Dich tun…???“ immer mal wieder gesagt habe, wie gerne ich „gezwungen“ würde, regelmäßig etwas ausführlicher spazieren zu gehen, da ich eigentlich so gar keinen Antrieb hätte.

Eine Bekannte hat sogar regelmäßig NACH ihrer Hunderunde bei mir angeklingelt, weil sie davon ausgehen konnte, dass ich zu Hause bin und sie auf ein Käffchen hereinbitte (ich mache eine super leckere Latte Macchiato). Das kann ich zeitlich auch immer einrichten (vorausgesetzt ich habe keine Arzttermine), da ich nicht mehr arbeite, und ich finde das im Prinzip auch schön (ich selbst genieße seit einiger Zeit die spontanen Käffchen bei einer Nachbarin, die ich mehr und mehr zu schätzen lerne)… es hat mich aber angepiekst, dass die Hundefreundin meist direkt im Anschluss an den Waldspaziergang mit einer anderen, passenderen Gassi-Partnern bei mir aufschlug. Als Test habe ich nach einer Weile dann mehrmals bedauernd gesagt es würde gerade nicht passen, wir könnten uns aber sehr gerne mal die Tage konkret verabreden – daraufhin klingelte sie nicht mehr nach der Hunderunde an, schlug aber auch kein konkretes Date vor. Ich war hin und hergerissen, ob ich mich als praktische Kaffeepause missbraucht fühlte oder als so etwas wie ein „Sozialprojekt“, welches wenig Engagement erfordert, um sich selbst ein gutes Gefühl zu geben: man brauchte nur mal kurz hereinzuschauen, sich updaten zu lassen – und schon konnte man sich damit profilieren, wie eng man doch mit „der Krebskranken“ befreundet sei und andere glauben lassen, man sei ein total sozialer Typ…

Mag sein, dass das gut gemeint war und ich unfair und undankbar bin – und ja, mir ist durchaus bewusst, dass jeder sein eigenes Leben hat, welches in der heutigen Zeit auch recht eng getaktet ist: da sind unter der Woche die Arbeit und die Standardtermine, und am Wochenende ist Familie (lieber ohne Fremde) angesagt. Und dennoch: verteilt auf die vielen Bekannten und die vielen Angebote etwas für mich zu tun wäre es doch kein allzu großer Umstand (und kein unverschämter Wunsch), mich regelmäßig vor die Tür und raus aus meinem Krebsalltag zu holen…

 

Yvonne ist außen vor.

Ich vermute, dass mich meine Kinder-Peergroups (Hockey, Ballett und Schule) aufgrund meiner mangelnden Präsenz (geteilt durch zwei, nämlich meinen Ex und mich sowie schlappheits-bedingtes Einspringen durch meine Oldies) nicht wirklich auf dem Schirm hat. Aus den Augen aus dem Sinn?

Zudem scheint die Erkrankung alle anderen Eigenschaften, die ich mitbringe, in den Hintergrund zu stellen. Ich bin in meinem näheren Umfeld zu einer „sozialen Randgruppe mit nur einem Mitglied weit und breit“ geschrumpft.

Ich möchte aber nicht nur „die mit dem Krebs“ sein, sondern „die Yvonne“. Die, deren Schlagfertig und Humor man schätzt. Die, deren Sichtweisen interessieren und auf deren Input man wert legt. Klar, redet man mit mir auch über meine Erkrankung – die ist schließlich ein Teil von mir – man kann aber auch über die eigenen Sorgen und Ängste sprechen (ohne sich ständig vergleichend dafür zu entschuldigen „das ist aber nichts gegen das, was Du hast“).

 

Die Anbahnung potenzieller neuer Freundschaften

…scheint auch von so etwas wie einer Kontaktallergie heimgesucht zu werden. Zunächst freut man sich über die Gemeinsamkeiten und die gleiche Wellenlänge, doch nach einer Weile kommt von der anderen Seite nicht mehr viel.

Das mag daran liegen, dass ich (weil ich ja gerne vor die Tür möchte) zunächst diejenige war, die pro aktiv die Vorschläge für Unternehmungen gemacht hat, es den meisten Leuten aber zu mühsam ist, selbst etwas anzuleiern. So gut wie nie kamen eigene Vorschläge für einen Kino-, Ausstellungs- oder Theaterbesuch (beim „feiern“ bin ich aus oben beschriebenen Gründen ja eh außen vor). Oder aber sie hatten unternehmungstechnisch ihre Schäfchen im Trockenen und dachten gar nicht daran, mich mit ins Boot zu holen. Meist ist es ja so, dass die Leute bei der Planung eigener Events nicht unbedingt daran denken, wer wohl außerhalb der üblichen Clique noch gerne mitkäme, wenn man aber von einer besonderen Veranstaltung erzählt fragen, warum man denn nicht mal Bescheid gesagt hätte… (Auf meine Initiative hin, gemeinsam ein Tanzabo zu buchen, werde ich nun mit einer Freundin zwei Ballettabende besuchen. Immerhin ! Für den „Langen Donnerstag“ am ersten jeden Monats im Museum Ludwig werde ich mir noch eine Spielkameradin suchen…)

Vielleicht haben die Leute aber auch unterschwellig Angst davor, sich auf mich einzulassen. Was, wenn man sich näher kommt, und ich dann sterbe? Das haben einige Herren, mit denen ich im Zuge meiner Partnersuche auf sozialen Netzwerken intensivere Schriftwechsel hatte, sogar offen ausgesprochen: es sei etwas anderes, bei einer Partnerin zu bleiben, die nach langen Jahren Beziehung erkranken würde, als sich wissentlich auf eine chronisch erkrankte (sterbenskranke) Frau einzulassen. Das einzige Date (für viele war das Ausschusskriterium bereits, dass ich für mein Alter unerwartet junge Kinder habe), welches nach Offenlegung meiner gesundheitlichen Situation noch stattfand war ein Sterbebegleiter aus Köln.

 

Ich suche keine Sterbebegleiter – ich wünsche mir „Lebens“gefährten !!,
die mit mir das Leben an sich (und durch mich auch ihr eigenes) verschönern möchten.

 

 

Ja, ich bin nicht allein, meine Familie und meine Freunde würden mich niemals im Stich lassen,
aber manchmal fühle ich mit meinem Scheiß-Krebs echt einsam – eben außen vor und nicht dazugehörig.

 

 

Flankierend noch ein paar Infos, die ich interessant fand:

 

Soziale Homophilie

…bezeichnet die Tendenz von Individuen, andere Menschen zu mögen und mit ihnen in Interaktion (Wechselbeziehung zwischen Handlungspartnern) zu treten, wenn diese ihnen ähnlich sind. Die Ähnlichkeitsattraktion kann sich dabei auf diverse Kriterien wie Geschlecht, ethnische Herkunft, sozioökonomischen Status oder den Bildungsgrad beziehen. Alltagssprachlich kann das Phänomen mit dem Sinnspruch „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ zusammengefasst werden. Die Bildung homophiler Gruppen führt zu einer erleichterten Kommunikation innerhalb der Gruppe sowie zu erleichterter Koordination von Handlungen und Aktivitäten.

Paul Felix Lazarsfeld (*1901 in Wien; † 1976 in New York), österreichisch-amerikanischer Soziologe bekannt als Elias Smith und 52. Präsident der American Sociological Association) kategorisierte die Evaluationskriterien zur Erfassung von Homophilie in statusorientierte und werteorientierte Kriterien.

Unter die statusorientierten Kriterien fallen eher augenscheinliche Faktoren wie Geschlecht, Alter, Ethnizität, Religiosität, Bildung und sozialer Status oder auftretendes Verhalten.

Werteorientierte Kriterien referieren auf internale Faktoren, die nicht auf den ersten Blick direkt erkennbar sind. Dazu gehören Fähigkeiten, Einstellungen, Überzeugungen, Wünsche und Ziele.

Eine weitere wichtige Kategorisierung zur Messung von Homophilie wurde von McPherson eingeführt. Sie unterscheidet zwischen Baseline-Homophilie und Inbreeding-Homophilie.

Baseline-Homophilie ist ein Maß für die Ähnlichkeit einer Gruppe, die ohne das Zutun der Mitglieder der Gruppe zu erwarten ist.

Inbreeding-Homophilie beschreibt wie groß die Ähnlichkeiten innerhalb von Gruppen sind, die durch Beziehungen untereinander geprägt werden.

Übrigens gewinnt das Konzept sozialer Homophilie aktuell vor allem in der Netzwerkforschung an Bedeutung: Homophilie ist ein Organisationsprinzip, mit dessen Hilfe die Bildung von Gruppen, Organisationen oder Netzwerken sowohl herbeigeführt als auch analysiert werden kann. Das Homophilieprinzip bietet Möglichkeiten netzwerkbasierte Organisationsformen besser zu verstehen und dient der Optimierung ihrer Funktionalität.

Peergroups

…gelten als Gruppen mit Mitgliedern meist ähnlicher sozialer Szene, deren Mitglieder ein freundschaftliches Verhältnis verbindet. Diese Bezugsgruppen könnten auch als Freundeskreis benannt werden, was die Präsenz der Peer-Gruppen im Alltag eines jeden Menschen herausstellt. Die Umschreibung Clique umschreibt vor allem die elementare Bedeutung im Jugendalter.

Peergroup bezieht sich in der heutigen Fachliteratur vornehmlich auf die Beobachtungen, dass besonders im Kindes- und Jugendalter die Orientierung der Individuen an Gruppenstandards stärker an Menschen ähnlichen Alters als an den eigenen Eltern stattfindet und dass auch später die Ansichten eines Menschen häufig von den Menschen der unmittelbaren Umgebung geprägt werden.

Peergroups sind als Instanz informeller Bildung und Sozialisation zu definieren und dienen unter anderem zur Emanzipation vom Elternhaus. Auf der Suche nach sozialer Orientierung dient die Clique als Bezugsgruppe. Eine Gruppe 14-Jähriger beispielsweise ist unabhängig von den Werten und Erwartungen der Erwachsenen. Auch in den Gesprächsthemen gibt es Unterschiede. Darüber hinaus dient sie auch dem gegenseitigen Austausch zum Beispiel über Probleme.

Peer-Groups haben eigene Hierarchien, Normen und Werte und charakterisieren sich vor allem durch das für die Austauschprozesse konstitutive Prinzip der Gleichrangigkeit. Kinder treten lieber solchen Peergroups bei, die sie akzeptieren, auch wenn sie dort Konflikten ausgesetzt sind. Entscheidend für jede Interaktion in Peer-Gruppen ist, dass sie sich aus Mitgliedern zusammensetzt, die sich auf Augenhöhe begegnen und sich in Wissen, Können und Entscheidungsbefugnissen nicht nennenswert unterscheiden. Während die Eltern einen Erziehungsauftrag besitzen und die Machtverhältnisse zwischen Kind und Eltern asymmetrisch sind, sind Beziehungen zu Gleichaltrigen freiwillig und symmetrisch.

Die Jugendlichen üben soziale Muster gemeinsam mit ihren Freunden, die meist aus einer ähnlichen Altersgruppe stammen, erproben untereinander soziale Verhaltensweisen. Peers sind sozusagen ein Spielfeld, auf dem es möglich ist, eigene Grenzen auszutesten, den Umgang mit anderen zu lernen, den Übergang ins Erwachsensein zunächst im geschützten Raum der Freunde zu erfahren.

 

 

 

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