Das hält Mann nicht… aus!!

 

Dagmar

 

Ich hab‘ so viel geschafft in den letzten 6 Jahren… kam nach vielen OPs, Dauer-Chemo, Hirnmetas, Hirn-OP, Hirn-Bestrahlungen immer wieder auf die Beine… und doch verlor ich nie den Mut. Ich konnte zwar aus Kräftemangel schon lange nicht mehr arbeiten gehen, wegfahren, ausgehen… aber ich hatte ja meine Familie, mein Haus, Hobbies, Freundinnen.

 

Beim Kampf ums Überleben (alle Therapien und OPs durchziehen) ist die Familie natürlich viel zu kurz gekommen…, vor allem mein Mann, Liebe meines Lebens, seit 20 Jahren (ich bin 50, er ist 58).

 

Im Verlauf des vergangenen Jahres hat sich mein Mann mehr und mehr emotional von mir distanziert… und seit dem Sommer hat er nun eine Beziehung mit einer langjährigen Arbeitskollegin, die er liebt. Es ist absolut nachvollziehbar (nachdem unser beider Bedürfnisse jahrelang zu kurz gekommen waren) – viele andere wären schon lange gegangen, die letzten 6 Jahre waren einfach die Hölle und es war schon lange nicht mehr toll zwischen uns… Aber ich hab trotzdem immer an uns geglaubt.

 

Seit er es offen gelegt hat, hat er SEHR viel erzählt über die letzten Jahre… endlich (aber zu spät). Er wird uns nicht verlassen. Und ich kann auch nicht gehen – ich kann‘s gar nicht alleine stemmen Zuhause, unmöglich. Aus finanziellen Gründen und wegen der Kinder und weil er absolut kein Schwein ist, trennen wir uns nicht. Er möchte, dass wir Freunde bleiben/werden… aber ich müsse es nun akzeptieren und es täte ihm leid, dass er mich in dieser Situation nicht trösten könne.

 

Mein Verstand checkt alles… mein HERZ kann‘s einfach nicht glauben! Ich leide jetzt mehr als jemals zuvor mit der Krankheit! Er sagt, er liebt diese andere Frau !! Es tut so grauenhaft weh – ich fühle mich so alleine und verraten und gedemütigt. Seit 6 Wochen schlafe und esse ich nur noch wenig, rauche wie ein Schlot…

 

Ja, ich steh morgens immer auf, gehe nach draußen, erfülle meine Pflichten – bekomme Massagen, bin in Therapie, habe gute Freundinnen (hilft alles nur bedingt, irgendwann ist alles gesagt)… Aber wohin mit dem Schmerz? Ich fühle mich sooo alleine… Sehnsucht nach Geborgenheit, gehalten werden…. Werd ich jemals wieder froh?

 

Ich weiß, Einigen von Euch ist es ähnlich ergangen – wie werdet Ihr nur damit fertig, nicht nur todkrank, sondern auch noch alleine zu sein? Verlassen im größten Scheiß Eures Lebens? Nach 20 Jahren Beziehung, von der Ihr dachtet sie sei für IMMER?

 

Es tut gut, endlich die Worte gefunden zu haben, mich Euch anzuvertrauen – ich brauchte die 6 Wochen… Ich hätte kein Mann-Bashing vertragen – das hilft nämlich nicht, WEIL: wir dürfen einfach NIE, gar NIE vergessen, dass unsere Liebsten GENAU gleich leiden wie wir (psychisch) – dass sie meist absolut hilflos sind und das kaum aushalten…

 

Gabi

Es ehrt dich, dass du – in dieser Situation – versuchst, deinen Mann zu verstehen. Aber so edelmütig ist dein Mann gar nicht. Es ist doch für ihn angenehm, in seinem Nest zu bleiben und nebenher seine „neue Liebe“ zu pflegen. Und dich lässt er in Angst, Sorge und Leid zurück. Hattet ihr euch nicht mal gesagt – in Freude und Leid ? Und du brauchst doch jetzt (un zukünftig immer mehr) Liebe und Zuwendung, um deine Erkrankung mit allen Höhen und Tiefen zu meistern.

 

Ariane

Gabi, du sprichst mir aus der Seele. Seit ich das gelesen habe kreist in meinem Kopf „eigentlich ist der Mann ganz schön egoistisch“. Dagmar: auch wenn du es nicht hören möchtest, es soll auch kein Bashing gegen deinen Mann sein, aber die gesamte Situation ist für dich GIFT! Du hast doch eine wunderbare Psychologin, soweit ich weiß, bitte versuche mit ihr einen Weg zu finden, dein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen, ohne „schlechtes Gewissen“, dass deinem armen Mann ja gar nichts anderes übrig bleibt als sich in die Arme einer anderen zu stürzen.

 

Marion

Ich persönlich habe noch nie erlebt, dass eine Frau ihren kranken Mann verlassen hat. Immer sind es die Männer, die ihr Ego ausleben wollen. Kranke Frau? Geht gar nicht! Denken diese Kerle nur mit ihrem Dödel?
Sie scheinen zu vergessen, dass auch sie schwer erkranken können. Dann wünsche ich ihnen, dass ihre „Neue“ genauso abhauen wird wie sie es getan haben. Ich habe dafür kein Verständnis und kann für solche Männer nur Verachtung empfinden. Sie sind keine Träne wert.

 

Ella

Liebes… das einzig gute an der Sache: Eier hat er indem er dich nicht verlässt!
Ich wünschte meiner wäre ehrlich und würde sagen „Ella, ich unterstütz dich und lass dich nicht im Stich“ – stattdessen besucht der mich nicht einmal auf der Palli und ich hab seit dem Ding mit dem Tabledancing und dem Vollsuff nichts von ihm gehört…

 

Chris

Echt jetzt? „Eier in der Hose“, weil er sagt, du kannst zwar hier bleiben, damit ich nicht so teuer wegkomme, aber mein Leben richte ich mir wo anders ein? Emotionale, motivationale Unterstützung gibt es nicht, aber Hauptsache die Kohle stimmt??

 

Dagmar

 

DAS war jetzt voll Mann-Bashing. Nicht hilfreich.

 

Der Weg, einfach zu gehen, wäre einfacher für meinen Mann. Er bleibt aber! Bleibt Vater (!!!), macht alles im Haus, finanziert alles UND bleibt liebevoll auch zu mir.
Ich könnt mich grad begraben, ginge er!!

 

Andrea

Ich kann deine Verzweiflung so gut nachvollziehen und ich finde es enorm, wie viel Verständnis du für deinen Mann aufbringst, denn theoretisch lebt jeder sein Leben nur einmal. Trotzdem sage ich, dass er sein Verhältnis hätte verschweigen können. Oder? Mit diesem Wissen ist ein Zusammenleben doch eine Qual, und deiner Gesundheit gegenüber ganz schlecht. Aber ich selbst hätte es auch nicht geschafft, mich zu trennen. Ich spreche aus Erfahrung. Dann aber hat sich mein Ex-Mann selbst getrennt. Das war langfristig gut so, auch wenn ich damals zwar auch schon krank war, aber viel gesünder als jetzt. So konnte ich es schaffen.

Das Schmerzhafte war, dass der Grund eine andere Frau war. Dieses Ausgetauschtwerden nach 24 Jahren. Obwohl er mit mir auch zu kurz kam. Damals habe ich auch mehr adrüber geweint als über meine Krankheit und die anschließende Metastasierung.

 

Martina

Es jährt sich mein zweiter Scheidungstag und ich kämpfe immer noch mit Tränen, Enttäuschung, Schmerz…

Ich habe das Gefühl, dass er jetzt alles hat… eine gesunde Frau, ein gesundes Kind (welches ich ihm wegen der Krankheit nicht schenken konnte) und Freude und alles, alles, alles… Und ich? Ich kämpfe mit den Knochenschmerzen, mit der Angst zu sterben und mit dem Gefühl, dass er mich im Stich gelassen hat, verraten hat… es tut weh… aber ich nehme ihn, genauso wie du deinen Mann, immer noch in Schutz und lasse niemanden ein schlechtes Wort über ihn verlieren.

Ich habe ihn geliebt, ich liebe ihn immer noch, und ich werde ihn für immer lieben, auch wenn er kein Teil mehr von meinem Leben ist…

 

Iris

Der Krebs nimmt soviel…
Auch ich habe meine große Liebe verloren, und es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht an ihn denke und ihn vermisse.
Wir haben kaum noch Kontakt, und er verhält sich immer sehr distanziert.
Manchmal glaube ich, dass er böse auf mich ist, weil ich krank wurde und deshalb alles zerbrach…

 

Gudrun

Ich kann Deine Angst und Trauer sehr gut verstehen. Nach meiner ED 2009 war ich auch plötzlich alleine – nach 17 Jahren. Ich hab‘ mich alleine durchgekämpft… und ich hab alles geschafft. Sicher war es oftmals nicht einfach, aber irgendwie ging es dann doch. Ich wünsch Dir für die kommende Zeit viel Kraft, Mut und Zuversicht.

 

Irene

Auch ich habe diesen Versuch, mit meinem Ex weiter zusammen zu leben, mehrmals gestartet. Aber seitdem ich ihn gebeten habe zu gehen, lebe ich viel ruhiger und möchte es jetzt auf keinen Fall mehr anders. Viel Kraft.

 

Renate

In zwei Monaten ist es ein Jahr her, dass ich erfuhr, dass ich den blöden Krebs hab‘. Mein Schatz war am Boden zerstört und sagte, wenn es sein muss geht er vom LKW, und ich hab‘ darauf gesagt, dass er nur kürzertreten bräuchte. 10 Monate später er ist auf dem LKW im Fernverkehr!!

 

Sandra

Hab auch so ein Exemplar. Der beste Ehemann und Vater, aber wenn es um die Krankheit geht läuft er davor weg. Hat leider mehr Angst wie ich.

 

Brigitte

Ich verstehe dich so gut, denn leider bin ich auch in dieser Situation. Nach über 22 Jahren habe auch ich vor ein paar Wochen den Todesstoß bekommen und ich kann nicht nachvollziehen, dass es so plötzlich kam. Wir waren gerade vom Urlaub wieder zu Hause, es war alles gut. Mein Mann zeigte noch Fotos und sagte, wie schön es war. Doch eine Woche später sagt er, dass es für ihn kein richtiger Urlaub gewesen sei: er wäre lieber mehr gelaufen, hätte sich gern mehr angesehen und mehr unternommen – aber mit mir wäre das ja NICHT MÖGLICH und er wolle die SCHEIDUNG.

Ich war wie vom Blitz getroffen, habe geweint bis ich keine Tränen mehr hatte. Und auch ich finde das schlimmer, als damals die Krebsdiagnose – denn da war jemand /mein Mann an meiner Seite. Jetzt geht es mir gesundheitlich noch schlechter wie damals – ich kann vieles nicht mehr alleine machen und brauche Hilfe – jetzt fängt mich aber keiner auf. Ich habe sooo große Angst vor dem Alleinsein, denn Familie und Freunde können ja nicht immer da sein.

Irgendwie kann ich meinen Mann sogar verstehen – ich weiß, dass das Sexuelle bei mir hinten anstand. Aber ich habe nicht gesehen, dass er so unglücklich darüber ist. Überhaupt habe ich das alles nicht kommen sehen. Und mein Mann sieht ja auch, dass mein Zustand schlimmer wird – und kratzt ausgerechnet jetzt die Kurve. Er hat auch schon eine Neue an seiner Seite. Die hat ihre Scheidung schon hinter sich und kann ihm bestimmt gute Tipps geben, wie er das Beste für sich rausschlägt – ich habe im Moment mit diesem scheiß Krebs zu kämpfen und keine Kraft für einen Ehestreit.

Nun schaue ich erstmal, was die Ärzte für eine Therapie vorschlagen und je nachdem diese erstmal zu Hause durchstehen und wenn es mir besser geht, dann eine neue Wohnung suchen (mit meiner kleinen Rente, kann ich den Kredit für unser Haus nicht stemmen) und versuchen ein „neues Leben“ anzufangen.

 

Katrin

Es ist alles so traurig. Manchmal fragt man sich wirklich wieviel ein Mensch ertragen kann/muss… Bei mir war es vor 7 Jahren genauso. Nach 18 Jahren wurde ihm der Krebs auch zu viel. Aber aus Erfahrung kann ich nur sagen, es geht auch wieder aufwärts.

 

Nadine

Es tut mir so unendlich leid für dich…

Du wirst euer Zusammensein auf Dauer nicht ertragen.
Jetzt wo seine Liebe und sein Körper einer anderen Frau gehören.
Und ich wünsche Dir von Herzen, die Kraft auch das zu überstehen.

 

Dagmar

 

Danke, aber Du kannst nicht sagen, was ICH nicht ertragen werde, das kannst Du nicht wissen. Jeder Mensch ist anders.
Im Moment stimmt es für mich, dass wir zusammenbleiben. Er ist weiterhin liebevoll, uns verbindet noch sehr viel. Und wir wollen es Beide so. Ja, es ist eine unkonventionelle Lösung – und manch einer kann das nicht verstehen.

 

Dorit

Ich kann dich in allem total verstehen. Mein Mann und ich befinden uns gerade auf demselben Weg, mit demselben Ergebnis. Ich habe in der letzten Nacht sehr viel geweint und festgestellt, dass ich nicht ohne ihn sein will. Ich bin stark, das weiß ich, ich kann vieles allein ertragen, aber jetzt alleine zu leben finde ich ganz schwierig. Ich habe für mich noch keine Lösung gefunden und er auch nicht.

Ich verstehe auch deinen Mann und finde sein Verhalten, im Gegensatz zu anderen nicht egoistisch, sondern sehr sozial. Er versucht seinem gegebenen Versprechen nachzukommen. Ich persönlich bevorzuge auch zu wissen, dass da eine andere Frau ist – und welchen Vorwurf sollte ich ihm machen, wenn ich keine Lust auf Sex habe, heißt das ja nicht, dass er das bis ans Ende meines Lebens aushalten muss. Denn DAS wäre in meinem Verständnis egoistisch. Ich kann auch sehr gut verstehen, dass du dich ungeliebt fühlst, weil du gerne von ihm in den Arm genommen werden möchtest. Allerdings kommt ihm das dann vermutlich wie ein Betrug an seiner neuen Partnerin vor, weil das so schlecht zu trennen ist. Somit bleibt dir nur, diese Nähe von deinen Freunden zu erbitten und dir selbst genug zu sein in den anderen Momenten. Ich wünsche dir die Kraft, deine Liebe zu dir selbst zum Mittelpunkt deines Lebens zu machen und weiß selbst gerade ganz genau, wie schwer das ist.

 

Yvonne

„Entliebt“ zu werden tut immer weh. Schon als junger Mensch (bei dem noch alles offen ist) und später nach langer Beziehung, auch wenn man gesund ist (weil man Angst hat im Alter allein zu sein) – aber als chronisch Kranke mit Ü50 (angewiesen auf Zuwendung und Hilfe) ist das kaum aushaltbar… Verstehe Dich absolut.

Erstmal ziehe ich meinen Hut davor, dass Ihr die Situation offen, ehrlich und fair angegangen seid… Nur wahrscheinlich macht es das noch schwerer… Man kann den Schmerz nicht in Wut kanalisieren und so alles ablassen (wie es unsere liebe Ella immer wieder gern tut)…

Und leider – wenn wir ganz ehrlich sind – ist es doch auch so: wir haben weniger Lust auf Sex (noch weniger, als es mit den Jahren ohnehin der Fall wäre, da uns die Krankheit von unseren Körpern entfremdet) oder können einfach nicht (körperlich). Bei Urlaub, Unternehmungen, Feiern und sonstigen Aktivitäten sind wir Spaßbremsen… zudem brauchen wir ständig mentalen Support: Trost, Verständnis für unsere Schmerzen, Ängste und Launen… Und was haben wir zu geben? Haben wir ausreichend Kapazitäten umgekehrt auch für unsere Partner da zu sein? Wenn sie sich Sorgen darum machen, wie alles gehen kann. Wenn sie Angst um unser Leben haben. Sind wir für sie da? Nehmen wir ihre vergleichsweise „ach so banalen“ Themen ernst? Können wir zuhören? Bekommen sie von uns Aufmerksamkeit und Bestätigung? Können sie an unserer Seite, ihr eigenes Leben führen? Oder sind sie dazu verdammt, gemeinsam mit uns unterzugehen…?

Unsere Erkrankung kostet einen Partner unendlich viel Kraft und unendlich viel Geduld – doch kein Mensch hat UNENDLICH Kraft und UNENDLICH Geduld. Sie fühlen und handeln menschlich, heißen Heinz, Jupp und Franz – und eben nicht Mutter Therese oder Jesus.

Ja, liebe Dagmar, es tut totaaaaal weh, aber vielleicht hilft es Dir ja, übern Berg – oder zumindest über die ersten paar Hügel – wütend zu werden auf den SCHEISS-KREBS !!

 

Dagmar

 

Auch ich bin keine Heilige. Natürlich schimpfe und fluche ich über ihn und werfe Geschirr in den Garten! Natürlich rede ich mit Psychologinnen (meiner professionellen und meinen Freundinnen). Und natürlich hätte ich die ganze Welt hinter mir… alle würden sagen, wow arme Daggi, so ein Arsch, ihr Mann! Aber dann?? Die Wut bringt kurz Erleichterung und dann nur Elend!

 

Er hat das ja nicht aus Bosheit gemacht, sondern aus purer Verzweiflung… diejenigen ohne Hirnmetas können sich dieses Leben (seit 4 Jahren !!) nicht vorstellen. Alle 3 Monate kam „Aah, wieder was gewachsen! Geht wahrscheinlich nicht mehr lange!“
Er hat mehr gelitten als ich und ER KANN EINFACH NICHT MEHR.

 

Einige hier sind zu Recht wütend, ja – aber, wenn Ihr in aller Ruhe überlegt…
Auch WIR Frauen wissen NICHT, ob wir ewig bleiben würden, wär unser Partner sooo krank!!
NEIN, es geht bei seiner Außenbeziehung nicht um Sex primär. Das würd‘s ja einfach machen!! So einfach ist es aber nicht…

 

 

 

Für das Beitragsbild bedanke ich mich ganz herzlich bei Masha,
die ich Mitte September 2018 bei meinem Trip nach Tel Aviv kennen lernen durfte.
Eine supersüße kleine quirlige Person mit einem riesen großen empathischen Herz
und einem Blick sowohl auf als auch hinter das Alltägliche – dorthin wo es weh tut.
Die Fotografin Masha Rubin
 

 

 

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