cut !!

Es gibt Tage, da häuft sich ein ganz bestimmtes Thema. Manch einer meint, Gott würde ihm eine spezielle Aufgabe stellen, ein anderer sagt, es gelte einen Knoten im Universum zu lösen und ich nenne es einen „bemerkenswerten“ Zufall.  So bemerkenswert, dass ich hier darüber schreibe.

Also: es standen einige Telefonate auf meiner ToDo-Liste. Unter anderem, wollte ich mich bei einer Redakteurin melden, die mich via Instagram kontaktiert hatte.

 

Hallo liebe Yvonne,
durch Deinen Post unter dem Hashtag #metastasierter Brustkrebs bin ich auf Dich aufmerksam geworden.
Ich heiße Kiki und bin Redakteurin bei Norddeich TV. Für ein TV-Projekt suchen wir Menschen, die schwer krank sind. 
Falls Du Interesse hast, freue ich mich über eine Nachricht oder einen Anruf unter 0815-4711.
Herzliche Grüße
Die Kiki    (Ich habe sie einfach mal so genannt…)

 

Das hat mich neugierig gemacht.

 

Zufälligerweise hatte ich bei Norddeich TV mal spaßeshalber Probeaufnahmen mitgemacht. Das ist einige Jahre her – mit Haaren und ohne Metadiagnose. Mein schauspielerisches Talent hat sie so überzeugt (es ging um ein Trennungs-Streit-Gespräch – und ich hatte gerade meine Scheidung hinter mir), dass sie mich dreimal für drei verschiedene Rollen angefragt haben. Aber die ersten beiden Rollen habe ich dankend abgelehnt (eine sollte im Bikini sein) und für die dritte gab es entschieden zu wenig Entschädigung für den recht hohen Aufwand. Danach haben sie sich auch nicht mehr gemeldet.

 

Nun dachte ich, dass ich ja vielleicht etwas „Öffentlichkeitsarbeit“ für uns Metahasen machen könnte und war bereit für die Gute Sache mein Gesicht herzugeben und meine Glatze hinzuhalten…

 

Also habe ich zurück getextet:

 

Hallo liebe Kiki,
ja, lass uns mal sprechen – wenn das Projekt sinnig und hilfreich ist, kommen wir vielleicht zusammen…  
Schönen Abend noch,
Yvonne

 

Und subito gab‘s auch eine Reaktion.

 

Hallo liebe Yvonne,
danke für Deine Rückmeldung. Da es sich um ein sehr sensibles Thema handelt, würde ich das gerne mit Dir telefonisch besprechen.
Kann ich Dich diesbezüglich anrufen, oder möchtest Du Dich unter der Rufnummer 0815-4711 melden? Ich hoffe, Du kannst das nachvollziehen.
Schöne Grüße und hoffentlich bis bald Kiki.

 

Was für eine eigenartige Antwort?! Was soll ich denn „nachvollziehen“ können? Dass sie findet, eine schwere Erkrankung sei ein sensibles Thema? ‚Türlich, bin ja selbst betroffen. Und ja, ich habe doch geschrieben, dass ich gerne telefonieren würde…

 

Bevor ich anrief, um herauszufinden, worum es geht und ob ich dafür oder dahinter stehen kann und mag, bin ich noch kurz zu dem Frischemarkt um die Ecke spaziert. Weil der Hund raus musste und weil es heiß war und ich eine Melone kaufen wollte. Die Ladenbesitzerin, eine zuckersüße Endzwanzigern, sprach mich auf einen meiner Posts auf Instagram an: sie würde sich voll freuen, dass die Chemo anschlägt. Dabei schien sie davon auszugehen, ich hätte danach den Krebs endgültig besiegt… Als ich ihr erklärte, es sei nur ein Spiel auf Zeit musste sie weinen und bekundete dabei, wie leid ihr das täte – meine Situation und auch, dass sie heulen würde. Nachdem ich sie beruhigt und wir noch ein wenig übers Wetter geplaudert hatten, machte ich mich mit Hund und Melone auf den Weg zu meinem Haus, um im Grünstreifen auf eine Hundehalterin zu treffen, die ich lange nicht gesehen hatte. „Wie geht es Dir, Yvonne? Hast Du etwa nochmal Chemo?“ fragte sie bezugnehmend auf meine offensichtliche Glatze. Als ich ihr sagte, das sei inzwischen bereits die vierte Runde und erläuternd hinzufügte, es ginge auch nicht mehr um Heilung, sondern Lebensverlängerung, brach auch sie – sich dafür ebenfalls entschuldigend – in Tränen aus. „Ist schon ok – solange ICH nicht weinen muss“

 

Ein wenig aufgewühlt und in der Hoffnung auf eine interessante Ablenkung, die mich wieder auf andere Gedanken bringen würde, rief ich unter der angegebenen Nummer bei Norddeich TV an – und hatte auch gleich Redakteurin Kiki an der Strippe. Ohne langes Vorgeplänkel meinte sie: „Sicherlich möchtest Du wissen, worum es bei dem Format geht? Also: es geht darum wie sich sterbenskranke Menschen auf ihren nahenden Tod vorbereiten – beispielsweise mit so etwas wie Botschaften und Geschenken für Menschen, die sie lieb haben…“

 

BAAAM !!

 

Schon wieder ging es um meine Endlichkeit. Bereits bei dem Wort „Tod“ hatte sich mein Magen verkrampft, und nachdem sich bei dem Gedanken daran, für meine allerliebsten Menschen – nämlich meine 11- und meine 15-jährige Tochter – Abschiedsgeschenke bzw. Erinnerungen vorzubereiten auch noch mein Hals zuschnürte, war es erstaunlich, dass ich überhaupt noch ein Wort herausbrachte… „Nein, sorry, bei dem Thema bin ich raus. Ich bin zwar sterbenskrank, aber noch nicht angezählt. Wenn durch die Mitwirkung bei der Produktion der Tod ein zentrales Thema ist und ich mich ständig mit meiner eigenen Endlichkeit beschäftigen muss, würde das meine „sensible“ Balance empfindlich stören und mich aus dem Gleichgewicht hauen. Noch nimmt der TOD DURCH DIE ERKRANKUNG weniger Raum ein als das LEBEN MIT DER ERKRANKUNG.“

 

cut !!!

 

 

 

Noch bestimme ich die Themenschwerpunkte,

die ich in das Drehbuch meines Lebens schreibe !!

auch wenn kein happy End vorgesehen ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachwort (vier Tage nach dem Telefonat mit Redakteurin Kiki und nachdem ich dankend abgelehnt hatte):

 

Hallo Yvonne,
können wir einfach mal telefonieren
und ich erkläre Dir ein bisschen was vom Format?
Über eine kurze Rückmeldung würde ich mich freuen.
Herzliche Grüße, die Kiki

 

Liebe Kiki,
wir haben bereits telefoniert.
Greetz, die Yvonne

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „cut !!

  1. Ich kenne zwei junge Instafrauen, die ganz offensichtlich von genau dieser Dame ebenfalls angeschrieben worden sind. Beiden wurde gesagt, dass ihr Sterben Voraussetzung dafür wäre, um bei diesem Beitrag mitwirken zu können. Beide Instafrauen haben abgelehnt.

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