Meine Vita

 

 

Geld verdienen müssen, war nie ein Thema

Von meiner Kindheit an ging es meinen Eltern finanziell immer recht gut – wir sind in den Sommer- und den Skiurlaub gefahren, ich habe mit 16 ein Leichtkraftrad (Yamaha DT 80) geschenkt bekommen, mit 18 ein Auto (auf Wunsch eine grüne Ente, obwohl mein Vater als Fordmitarbeiter jede Menge Beziehungen für ein „besseres“ Auto gehabt hätte). Und dass so etwas wie Tennis- und Reitunterricht Kosten verursacht, weiß ich auch erst seitdem ich selbst Kinder habe. Über Geld wurde nicht gesprochen – es war halt da. Und so habe ich ein Studium gewählt, ohne darauf zu achten, was man später damit verdienen kann oder wie die Perspektiven in den entsprechenden Branchen langfristig aussehen würden. (Übrigens nein, ich habe nicht alles in den Allerwertesten geblasen bekomme – ich habe in der Schulzeit Sonntags in der Konditorei Kuchen verkauft und während meines Studiums gekellnert, Messejobs gemacht und in den Semesterferien stets einige Wochen die Urlaubskasse aufgebessert). Nach meinem Diplom habe ich mich dann beruflich in allem ausgetobt, was mich in irgendwie in Sachen „kreatives konzeptionelles Schreiben“ angemacht hat. Immer 200-prozentig und mit Vollgas auf der Überholspur. Und ja, ich habe in meiner Hoch-Zeit beim Fernsehen und später als gut gebuchte Freiberuflerin sogar richtig Geld verdient… so dass ich mir nie Gedanken darüber gemacht habe, ob das immer so weitergeht und was ich mache, wenn ich alt bin – oder eben krank werde.

 

Ich lebe mietfrei und mit finanziellem Support

…in einem freistehenden efeu-umrankten Haus (das meine Eltern vor 15 Jahren gekauft haben) von Kindergeld, Kindesunterhalt (für meine beiden Töchter), einem spärlichen Krankengeld (das ich erhalte, weil ich mich über die Künstler Sozialkasse versichert hatte… was aber in absehbarer Zeit ausgeschöpft ist) sowie 10.000 Euro, die mir meine Eltern jährlich auszahlen (ein Vorgeschmack auf ein Erbe, das ich wahrscheinlich nie antreten werde). Das geht. Anderen in meiner Situation geht es schlechter. Was allerdings nicht immer geht, ist in meinem Umfeld damit glücklich und zufrieden zu sein. Dieses macht mir mit jährlichen Fernreisen mit der ganzen Familie (ich möchte so gerne mal mit den Kids Angor Wat in Kambodscha sehen und im Sommer auf die Seiser Alm) plus zweimaligem Skiurlaub (was mir nicht fehlt) sowie Wakeboard-Kursen, Skifreizeiten, Sprachreisen und Auslandsaufenthalten für die Kinder (aktuell gehen viele Freundinnen meiner Großen nach Australien oder Neuseeland) und noch mehr als ausreichend übrig für guten Geschmack in punkto Ambiente und Klamotte eine lange Nase.

 

Klagen auf hohem Niveau – ich weiß

Was mich allerdings so richtig abfuckt (Entschuldigung für den Ausdruck, aber das muss ich so krass formulieren, weil es so krass ist) ist die Tatsache, dass ich beruflich nicht mehr auf die Beine kommen werde. Und deshalb schwindet, abgesehen von der Kohle, inzwischen auch mein Selbstwertgefühl dahin – begründet darin, dass ich nicht mehr dafür „honoriert“ werde, etwas wirklich gut zu können (nämlich hauptsächlich meinen Job).

 

Der berufliche Einbruch liegt nicht nur am Krebs

Nachdem ich mich fürs Kinderkriegen (mit 37 und nochmal mit 41) entschieden hatte, konnte ich zunächst ohne aktive Akquise von meinem guten Ruf und den Stammkunden leben – und mit geringem Aufwand mehr als anständig „dazuverdienen“. Und nach der Scheidung wurde ich auch lediglich kurzfristig mit der Tatsache konfrontiert, dass es wohl schwierig werden könnte mit Mitte Vierzig in meiner Branche genügend Arbeitsvolumen zu generieren, um mich und meine Kinder zu versorgen – denn dann kam erstmal der Brustkrebs.

 

Nachdem die Therapien überstanden waren wollte ich im Job nochmal richtig losgehen

Ich habe mein Leistungsspektrum sogar noch mit einem Kurzstudium zur Social Media Managerin aufgepimpt. Im Block und im Pulk (zusammen mit etwa 35 allesamt deutlich jüngeren Weiterbildungswilligen). Allein unter „natives“ habe ich mich als „digital imigrant“ durch Marathon-Vorlesungen und Berge von Zusatzmaterial zu SEO, Monitoring, Online-Marketing, -Communications und -Recht geackert… Gerne hätte ich meine Lieblingshausarbeit (die laut Dozent außerordentlich kreativ und SoMe-technisch erfolgversprechend war) den Bühnen der Stadt Köln angeboten – dann wurde die zweite Runde Krebs eingeläutet, und ich war erst einmal damit beschäftigt um mein Leben zu kämpfen. Das mühsam angeeignete Zusatzwissen vergammelte in einer Ecke meines Hirns, welches alle Kapazitäten benötigte körperliche und seelische Traumata zu verarbeiten.

 

Als ich wieder laufen konnte und sich auch die grauen Zellen langsam regeneriert hatten machte mir meine Branche klar, dass sie nicht wirklich an der Erfahrung einer „um die Fuffzigjährigen“ freiberuflichen (Werbe)texterin interessiert war und dass strategische und konzeptionelle Kampagnen- und Textentwicklung gar nicht mehr wichtig sind… Eindimensional verkaufen, das können auch Jüngere – und viel billiger. Lange sollte mir DAS aber keine Sorgen bereiten – nur wenige Monate später wurde ich zur dritten Runde Krebs in den Ring gerufen: eine Lymphknotenmetastase oberhalb des rechten Schlüsselbeins, rechts auch noch drei kleine Herde in der Pleura sowie verdächtige Schatten im linken Lungenflügel. Es folgten wieder Bestrahlung und Chemo, aber dieses Mal keine fette OP. Dafür aber ein paar Wochen nach Abschluss der Therapien ein leichter Schlanganfall – ein kleines Extra on top ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Krebs. Tja, ich habe wohl einmal zu oft „hier“ gerufen, als die Sch… verteilt wurde.

 

Die letzten Jahre waren so als würde ich eine lange Strecke tauchen und jedes Mal, wenn ich hochkam, um Luft zu holen, wurde ich wieder gedöppt (Regiolekt Ruhrgebiet = tunken, untertauchen) – manchmal habe ich dabei auch Wasser geschluckt und war dem Ertrinken nahe.

 

Gerne würde ich irgendwie weiter in meinem Beruf arbeiten

Natürlich, um mich finanziell über Wasser halten zu können, aber auch, weil mir das Ausdenken und Aufschreiben von Ideen so viel gibt. Heute muss ich aber darüber nachdenken, ob ich wohl mit knapp Ü-Fuffzig so etwas wie eine Mindestrente bekäme, oder was man eine Erwerbsminderungsrente nennt und wie das gehen könnte…

 

Für diejenigen, die es interessiert was ich beruflich gemacht habe, bevor, während und nachdem ich chronisch an Krebs erkrankt bin.

Meilensteine