Ort der Erinnerung

 

„Kannst Du bitte die Gräber der Oldies wässern, wenn wir in Domburg sind?“ Während ein indifferent mulmiges Gefühl in mir aufsteigt versuche ich mit einem „Muss ich dafür volle Gießkannen schleppen? Das kann ich nämlich nicht…“ Zeit zu gewinnen, um darüber nachzudenken, worin das mulmige Gefühl begründet ist. Pragmatisch und unbeirrbar zielorientiert ergänzt meine Mutter ihr ohnehin nur rhetorisch als Frage gestelltes Anliegen „Nimm doch die Kinder mit. Die wissen auch wo die Gräber und wo die Gießkannen sind.“

 

Stimmt, ich weiß weder genau wie ich zum Friedhof komme, noch wo sich die Gräber befinden, geschweige denn, wo irgendwelche Gießkannen versteckt sind. Seit der Beerdigung meiner Großmutter Oma Anne 2013 war ich – im Gegensatz zu meinen Kindern, die Oma und Opa des Öfteren zur Grabpflege der Urgroßeltern begleiten – nicht mehr auf dem Friedhof.

 

Stimmt nicht ganz – vor einem Monat musste ich auf den Kölner Melatenfriedhof zur Beerdigung des Ehemanns meiner herzallerliebsten Freundin. Und ich wäre sogar freiwillig nochmal mit ihr dorthin, um ihrem Mann einen Maibaum aufs Grab zu stellen. (In Anlehnung an die rheinländische Tradition, dass junge Männer der Dame ihres Herzens in der Nacht zum 1. Mai eine mit Krepp-Bändern bunt geschmückte Birke ans Haus stellen – je größer der Baum, desto größer natürlich die Liebe).

 

Nun bin ich aber abgeschweift. Ich mag halt keine Friedhöfe.

 

Die meisten Friedhöfe strahlen so ein büro-kratisches „Das-gehört-sich-so“ aus. Die Gestaltung spiegelt selten die Persönlichkeit desjenigen, der unter der Erde liegt. Graue Granitsteine, dazu fleißige Lieschen in der warmen und Heidekraut in der kalten Jahreszeit – ach ja, und gern gesehen: Efeu oder etwas pflegeleichtes Immergrünes. Das Ganze dient eher der Eigendarstellung der Hinterbliebenen. Wer hat den größten Stein (wer hat, setzt noch Messingreliefs oder eine Skulptur obendrauf). Bei wem dürfen die Toten nebeneinander in Frieden ruhen und bei wem müssen sie sich stapeln (dafür gibt es sogar Fachausdrücke). Und selbst bei der Grabpflege gibt es einen Schwanzlängenvergleich der Hinterbliebenen (ja, das geht auch bei den Omis, man soll es kaum glauben): wessen Grab ist untadelig gepflegt und welche Familie war immer schon schlampig.

 

Ich bin jedenfalls nicht für meine Großeltern zum Friedhof gefahren (obwohl ich sie alle vier kannte und auch lieb hatte), sondern für meine quicklebendige Mutter, die mir oft den Hund abnimmt und gerne mal die Kinder bespaßt.

 

Mir reicht eine Nummer an einem Baum in einem Friedwald… ob meine Kinder diesen oder ein anderes Stück Natur aufsuchen… oder… ?…

 

 

Eigentlich glaube ich aber:

Der Ort, an dem geliebte Menschen nach ihrem Tod bestens aufgehoben sind ist das  H E R Z .

Und ja, es gibt ein Leben nach dem Tod – wenn diese Menschen in lebhafter  E R I N N E R U N G  bleiben.

 

 

 

 

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