Patienten lesen

 

„Echt jetzt, Sie haben mein Blog gelesen?!“

 

…frage ich überrascht noch einmal nach. „Ja, und ich war beeindruckt, wie Sie die Dinge formulieren…“ „Danke. In meinem früheren Leben habe ich Buchstaben verkauft – als Texterin sollte ich der deutschen Sprache schon mächtig sein“ witzel ich abschwächend, um zu überspielen, dass ich mich außerordentlich geehrt fühle, dass mein Onko Onkel doch tatsächlich mal in mein Blog hereingeschaut hat. „Ich hab‘ ihn sogar meiner Frau gezeigt…“ mannometas, und auch noch in seiner Freizeit !! „Ich hoffe, das war in Ordnung…“ fragt er vorsichtig nach. „Natürlich, ist ja öffentlich. Schließlich möchte ich doch mit dem, was ich da von mir gebe sowohl Betroffene als auch ihr Umfeld erreichen.“ „Ja, das mit den Betroffenen und dem Umfeld ist so eine Sache – wir Ärzte gehören da ja auch zu… So eine Portlegung zum Beispiel ist für uns absolut nebensächlich – was Sie da erlebt haben, davon bekommen wir ‚Onko Onkels‘ in der Regel gar nichts mit… Überhaupt versuchen wir einen gewissen Abstand wahren… das müssen wir, sonst könnten wir nachts nicht schlafen…“ „Klar, Ihre Patienten sterben ja wie die Fliegen“ werfe ich betont lässig ein, bin aber nun meinerseits beeindruckt, dass sich mein Onko Onkel mein Blog – den einer seiner Patientinnen – eingelassen und offensichtlich wirklich viel und intensiv gelesen hat, sonst wüsste er nicht, dass ich ihn so nenne.

Oft habe ich auf diversen Plattformen gelesen, dass Betroffene nicht gut mit der kühlen Distanz ihrer Ärzte zurechtkommen, sich von mangelnder Empathie verletzt fühlen und manche wettern bitter-böse über Kaltschnäuzigkeit…

Erstmal ist es eine Frage unserer Persönlichkeit wie wir unser Gegenüber wahrnehmen: die eine empfindet Nüchternheit als Gefühlskälte, die andere als sachliche Kompetenz. Die eine möchte mal über den Arm gestreichelt werden und ein liebes aufmunterndes Wort hören, die andere braucht lückenlose Informationen, um besser mit einer Situation zurecht zu kommen. Und dann ist es auch noch eine Frage der Tagesform, was wir gerade brauchen.

 

Aber wir sind beim Onkologen und nicht beim Psychologen.
Und die müssen nicht unsere Gedenken, sondern unsere Befunde lesen.

 

Und ganz ehrlich, wenn mich ein Roboter behandeln – bspw. meinen persönlichen Barcode einscannen und dann die perfekte Therapie für mich errechnen und mir wortlos verabreichen würde – wäre mir das mit dem menschlichen Umgang (übrigens auch mit dem Datenschutz) absolut wumpe.

Aber ich kann und will mich nicht beschweren – das mit meinem Onko Onkel und mir passt (danke für die Empfehlung, liebe Dau im Himmel oder wo auch immer Du jetzt bist).

 

 

 

 

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