Wie sag ich’s meinem Kinde?

 

„Und wie geht es den Kindern bei alledem?“. Diese Frage habe ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder häufig gehört, bei meiner Erst-Diagnose 2012 verstärkt (da waren meine Süßen erst 9 und 5 Jahre alt) – und in den letzten Jahren immer wieder, wenn etwas Neues entdeckt wird.

Dabei ist die Frage wie es den Kindern geht doch jederzeit die Basis allen Handelns einer Mutter. Ob mit Mann oder ohne, ob mit Brustkrebs oder ohne, ob metastasiert oder gesund.

Seit der Trennung frage ich mich allerdings „WER bin ich für meine Kinder? Was muss ich mehr sein, um den Vater im Alltag zu kompensieren?“. Seit der Erstdiagnose auch noch „WIE muss ich sein?“, um meinen Kindern den Umgang mit meiner Erkrankung zu erleichtern (ohne durch Unehrlichkeit ihr Urvertrauen zu erschüttern). Und mehr und mehr werde ich mit der Frage konfrontiert, wieviel Raum ich mir selbst geben muss?

 

Ob Single oder in Beziehung, alleinerziehend oder als Familie

– die Wucht jedes neuen Befunds und seiner Konsequenzen muss erst einmal verkraftet werden.

Und zwar zunächst von mir !!

Auch wenn das Zusammenleben mit Kindern verlangt, relativ bald über die jeweilige Situation zu sprechen…

 

Wann ist der beste Zeitpunkt dafür, es den Kindern zu sagen? Ist es wirklich nötig, sie genau zu informieren? Muss das K-Wort überhaupt fallen?… Diese Fragen habe ich mir damals gestellt – und stelle ich mir zum Teil heute noch…

 

Fachleute empfehlen: möglichst zeitnah und möglichst offen zu reden und Kindern möglichst nichts vormachen !

Denn: Kinder spüren Veränderungen in ihrer Familie. Ohne passende Erklärungen dazu füllen vor allem jüngerer Kinder die Leerstellen mit ihrer Fantasie. Solche Gedanken können bedrohlicher sein als die Wirklichkeit. Geben Eltern ehrliche Auskünfte, stärkt dies das Vertrauen. Erfahren Kinder im Nachhinein, dass ihnen wichtige Informationen vorenthalten wurden, kann das dagegen für Misstrauen sorgen.

Gespräche tragen entscheidend dazu bei, wie gut Kinder – ganz gleich welchen Alters – mit der Situation umgehen können, denn auch für Kinder gilt: Unwissen verursacht Unsicherheit. Und Unsicherheit macht Angst.

Jedes Kind ist natürlich anders – aber bestimmte Altersgruppen reagieren auf ähnliche Weise.

 

Kinder von 3-6 Jahren
… können maximal zwischen 5 und 15 Minuten aufmerksam sein.

 

Erkläre Deine Erkrankung in einfachen, klaren Worten und beschränke Dich auf Wesentliches. Dabei kannst Du die Krankheit „Krebs“ beim Namen nennen – mit medizinischen Einzelheiten, ebenso wie mit möglichen abstrakten Gefahren und Chancen der Erkrankung überforderst Du Dein Kind allerdings.

 

Kleinere Kinder

…spüren, wenn ihre Mutter etwas belastet. Unwissen darüber verunsichert sie.

…haben ein anderes Verständnis von Krankheit als Teenager oder Erwachsene:

Die Bedeutung von Krankheit oder krank sein, basiert bei kleineren Kindern auf den Erfahrungen, die sie selbst mit eigenen kleineren Erkrankungen gemacht haben. Meist verbinden sie mit Krankheit eine einzelne Situation, wie z. B. im Bett liegen zu müssen. Häufig glauben sie, dass ein spezifisches Ereignis (Du hast Dich bei Deiner Freundin angesteckt) oder ihr Verhalten (ich habe keine Mütze aufgesetzt) die Krankheit verursacht hat und dass man sich nur an bestimmte Regeln halten muss (z. B. die Medizin schlucken), um wieder gesund zu werden.

…werden vor allem durch die Änderungen in der Alltagsroutine beeinträchtigt und verunsichert.

…fühlen sich schuldig.

…glauben, sie seien dafür verantwortlich, dass Mama wieder gesund wird.

…nehmen Erklärungen wörtlich.

…haben Angst, selbst krank zu werden.

 

Wichtig 
  • Betone, dass Dein Kind keinerlei Schuld an Deiner Erkrankung hat.
  • Erkläre Deinem Kind, was sich durch Deine Krankheit im Alltagsleben bzw. konkret in seinem Tagesablauf verändert. Sage ihm, dass Du wegen Deiner Krankheit oft zum Arzt musst, dass es bspw. öfter bei Oma und Opa ist, von einer anderen Mutter an der KiTa oder Schule abgeholt wird, mehr bei Freunden, statt zu Hause spielt etc.
  • Versuche, trotz allem eine gewisse Kontinuität in die neuen Strukturen zu bringen – es hilft Deinem Kind, wenn es sich auf diese auch wirklich verlassen kann.
  • Versichere Deinem Kind, dass Du es weiterhin liebst – auch wenn Du manchmal weniger Zeit haben und die Nerven hier und da blank liegen werden.
  • Informiere die Kindergärten und Erzieher. Wenn diese die emotionale Situation Deines Kindes kennen, können sie Dein Kind besser verstehen, ein besonderes Augenmerk darauf haben und Dir gegebenenfalls Rückmeldung geben, wenn besonderer Handlungsbedarf angeraten ist.

 

 

Kinder von 7-12 Jahren
…verfügen schon über ein komplexeres Verständnis von Krankheit als Kleinkinder und sind oft sehr wissbegierig.

 

Auf der emotionalen Seite begreifen Kinder in diesem Alter bereits den Ernst der Situation und auch die Bedrohung – sie dürfen (in zumutbarer Intensität) ruhig mitbekommen, dass Mama das alles bewegt und auch, dass sie schonmal Schmerzen hat oder es ihr einfach nicht gut geht.

 

Wichtig
  • Verberge Deine Gefühle nicht vor Deinem Kind. So zeigst Du Deinem Kind, dass es selbst auch mal wütend oder traurig sein darf.
  • Beobachte die Reaktionen Deines Kindes.

Vermutlich wird es sich oft nicht trauen, Fragen zu stellen, weil es fürchtet, Dich noch zusätzlich zu belasten. Frag am besten hin und wieder mal nach.

  • Informiere die Lehrer Deines Kindes.

Nicht selten treten Leistungseinbrüche in der Schule auf. Das ist erstmal nur eine Folge der Auseinandersetzung Deines Kindes mit einer schwierigen neuen Situation und muss nicht dramatisiert werden, da es sich meist nur um vorübergehende Tiefen handelt. Halten die Schulprobleme jedoch an, kann dies bedeuten, dass Dein Kind zusätzliche seelische Hilfe braucht.

 

 

Teenager
…haben von Krankheit schon ein Verständnis ähnlich dem von Erwachsenen entwickelt.

 

Teenager stecken allerdings in einem schwierigen Prozess der Ablösung, der durch die Krankheit zusätzlich erschwert wird.

 

Diese Altersgruppe

…sucht eigene Wege, um mit der Situation fertig zu werden.

…überschätzt sich selbst gern; umgekehrt wird ihnen manchmal zu viel zugemutet.

…fühlt sich unbewusst schuldig.

…hat Angst, selbst krank zu werden (besonders Töchter).

 

Wichtig
  • Du musst nicht alles, was Du weißt, Deinem Kind mitteilen; aber alles, was Du sagst, muss wahr sein.
  • Unterdrücke Deine Gefühle nicht – und signalisiere Deinem Kind, dass es auch eigene Gefühle zulassen und zeigen darf.

 

Für jedes Alter gilt:

Gehe auf die Fragen Deines Kindes ein und nimm Dir Zeit, sie für Dein Kind zufriedenstellend zu beantworten! Und gehe offen damit um, wenn Du etwas mal nicht genau weißt.

 

Scheue Dich nicht, professionellen Rat einzuholen.

Hilfestellungen zu „Krebs mit Kindern“ bieten psycho-soziale Krebsberatungsstellen sowie die psychoonkologischen Dienste in den Krankenhäusern.

 

Bevor ich 2012 mit meinen Kindern gesprochen habe, habe ich versucht, mich schlau und versucht mich für das Gespräch aller Gespräche zu rüsten… um mich dann an einem Mittwoch Nachmittag mit meinen girls an unseren Esstisch zu setzen. Mittwochs war (und ist bis heute) unser freier Tag. Kein Trommeln oder Kinderturnen und auch kein Hockeytraining oder Ballettunterricht – an jenem Mittwoch fand das erste Gespräch von vielen statt, von denen ich dachte, dass ich sie niemals führen müsste…

 

„Ich muss Euch etwas Wichtiges sagen: Ich bin krank. Ich fühl mich zwar eigentlich überhaupt nicht krank und ich sehe auch nicht so aus, aber die Krankheit ist da – in mir drin. Und sie heißt Brustkrebs“.

 

 

 

Juli, die 5-Jährige: „Hast Du einen Krebs in Deiner Brust?“

„Nee, da sitzt keine Strandkrabbe mit Scherenbeinen in meiner Brust. Krebs nennt man Zellen – ganz, ganz kleine Teilchen des Körpers – die immer mehr und mehr und mehr werden. Und zwar an Stellen, wo sie gar nicht hingehören und dort doofe Knubbel bilden. Und wenn der Krebs zu viel Platz einnimmt, stört er den Körper dabei, das zu machen, was er eigentlich tun soll. Damit das aber nicht passiert hat jeder Mensch eine Körperpolizei. Meine Körperpolizei hat die bösen Zellen allerdings nicht entdeckt, deshalb sind die im Geheimen immer mehr geworden und haben dann einen Knubbel in meiner rechten Brust gemacht. Und der ist inzwischen zu groß, für die Körperpolizei. Die braucht jetzt Hilfe, um den Knubbel kaputt zu machen… Dafür kriege ich eine super, super starke Medizin. Die heißt Chemo. Die Chemo kann man aber nicht wie eine normale Medizin trinken, die muss direkt in meinen Körper geleitet werden. Über eine Nadel, wo ein dünner Schlauch dranhängt durch den dann die Medizin direkt in den Körper fließt, um da alle, alle, alle bösen Krebszellen kaputt zu machen… Die Chemo ist allerdings so stark, dass sie auch einiges anderes Gesundes kaputt macht. Und das wird mich in nächster Zeit ganz schön schlapp machen. Kann auch sein, dass mir davon schlecht wird – auf jeden Fall werden mir davon die Haare ausfallen.“

„Mama, ich will nicht, dass Du keine Haare mehr hast!“ bricht es spontan aus meiner 5-Jährigen heraus.

„Süße, ich habe da auch keine Lust zu, aber das passiert nun einmal, weil die Medizin so stark ist…“

Eva, meine 9-Jährige, hat bisher kein Wort gesagt.

Juli überlegt kurz und lässt uns dann aufgeregt an ihren Gedanken teilhaben:

„Weiß Du was Mama?! Omaimas Mutter sind bestimmt auch die Haare ausgefallen…“

Jetzt fällt ihr Eva ins Wort: „Die kommt doch aus einem anderen Land und hat eine andere Religion – deswegen trägt sie Kopftuch“.

Juli: „Mama, Du kannst ja auch ein Kopftuch tragen – ohne Haare sieht ja hässlich aus…“

„Oder ich trage eine Perücke?!“

Eva: „Eine Perücke? Das sieht ja mal total doof aus!“

„Natürlich keine Karnevalsperücke. Obwohl mir pink schon gefallen könnte… ;-).“

„Mammaa! Nee!!!“

Juli: „Viellicht gibt es dafür ja auch so welche, die aussehen wie Deine Haare?“

„Nicht ganz, aber so ähnlich.“

Nach einer längeren Pause sagt Eva: „Der Cousin von Caja hatte das auch – sogar schon mit vier – dem sind auch die Haare ausgefallen und dann ist der gestorben.“

Juli erschrocken: „Mama, ich will nicht, dass Du sterbst!“

Ich atme tief durch. „Erstmal habe ich einen ganz anderen Krebs ! Ich habe „BRUST“-Krebs – also nicht im ganzen Körper, sondern nur in der Brust. Und außerdem habe ich überhaupt nicht vor, zu sterben! Ich bekomme ja die Chemo-Medizin, damit ich wieder gesund werde.“

Juli: „Also: man sieht den Krebs zwar nicht, aber Du hast trotzdem eine Erkältung – oder eine Krankheit – oder?!“

„Genau. Und es wird jetzt zwar ein Weilchen dauern, aber: Ich werde wieder gesund!…“

 

2012 wusste ich noch nicht, dass es erstens anders und zweitens als gedacht kommen sollte…

 

Offenheit, Ehrlichkeit und Authentizität sind mir wichtig.

So möchte ich auch mit meiner Krankheit umgehen – vor allem meinen Kindern gegenüber. Denn allein schon ein Blick zwischen Erwachsenen oder ein abrupt beendetes Telefonat würden ihnen den Hinweis geben, dass etwas im Argen liegt. Noch dazu kommt, dass meine beiden im Entwickeln der schönsten sowie schaurigsten Fantasien rundum Geheimnisse wahre Meisterinnen sind – und Hirngespinste sind bekanntlich viel bedrohlicher, als die Geister, denen man sich stellt !

Ich möchte auch unbedingt vermeiden, dass meine Girls von anderen erfahren, wie es gerade um mich steht und sich dann von mir hintergangen fühlen. Sie sollen sich meiner Ehrlichkeit ihnen gegenüber immer sicher sein können. Ich bemühe mich, ihre Fragen stets – alters- und typgerecht – nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Und ich versuche meine Kinder ebenso wenig aus meinem Leben ausschließen, wie ich aus ihrem ausgeschlossen sein möchte.

 

 

 

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