Yoga-Camp in der Wüste

Reiseimpressionen von Marokko | 21.11.2015 – 05.12.2015

 

Der dritte und zentrale Teil meiner Traumreise (zum Abschluss der Therapien nach ED Brustkrebs 2012) führt nach märchenhaften Tagen in Marrakesch und der Durchquerung des Atlasgebirges schließlich auf den Rücken von Dromedaren zu einem Yoga-Camp in der Westsahara.

 

Vorher gibt es jedoch noch eine kleine Verschnaufpause am Rande der Merzougawüste: Entspannung am Pool unseres Kasbahs und ein Lunch bei der Familie M’bareks, dem Organisator der Reise, dessen Vater ein Stammesoberhaupt und einer der fünf Mitbegründer des Ortes war.

 

Jeder Berberstamm hat seine eigenen Regeln und Traditionen

 

…und einen Führer der das Sagen hat, dem auch jeder ohne Murren folgt.

Die Gesetze der Berber fußen nicht wie die der übrigen Mohammedaner auf dem Koran, sondern auf uralten Überlieferungen, die im Laufe der Jahrhunderte von den Stämmen zu Papier gebracht wurden. Wie stark der Gemeinschaftssinn ausgeprägt ist, lässt sich beispielsweise an einem alten Kabylei-Gesetz ablesen: „Der, dem eine Kuh, ein Ochse oder ein Schaf stirbt, hat das Recht, die Gemeinde zu zwingen, das Fleisch des Tieres zu kaufen als eine Hilfeleistung – so will es der Brauch.“ Trotz des Verlusts des Viehes kann der Eigentümer also immerhin noch das Fleisch verwerten; der Brauch will übrigens auch, dass die Menge, die jeder nehmen muss, vom Chef des Ortes bestimmt wird. Dies reflektiert die soziale Grundlage der Gesetze, ist gleichzeitig aber auch ein Schlag ins Gesicht der streng gläubigen Mohammedaner, denn der Koran sagt ausdrücklich, dass Fleisch von gestorbenen oder gefallenen Tieren unrein „harem“, d.h. verboten ist. Aber dem Berber bedeutet der Koran nichts, wenn es gilt: Einer für Alle, Alle für Einen!

Noch ein weiteres Beispiel zeigt wie sehr die Interessen der Gemeinde im Vordergrund stehen: „Der, welcher ein Haus, einen Obstgarten, ein Feld oder einen Gemüsegarten an Individuen eines anderen Dorfes verkauft, muss davon seine Brüder, Verwandten, Geschäftsfreunde und die Leute seines Dorfes überhaupt benachrichtigen; und wenn diese den Kauf rückgängig machen und den Käufer substituieren wollen, so haben sie demselben innerhalb dreier Tage den Kaufschilling zurückzuerstatten.“ Durch dieses Gesetz wird Fremden der Zutritt zur Gemeinde erschwert.

Um es kurz zu machen: Das Einhalten der traditionellen Sitten besteht darin in den eigenen Stämmen zu bleiben und schützt so die Kultur der Berber.

Die Ehefrau wird vom Mann ebenfalls meist innerhalb seines eigenen Stammes ausgesucht (geheiratet wird üblicher Weise zwischen 16 und 25). Nur noch in seltenen Fällen bestimmt die Familie den Ehepartner des Kindes. Trotzdem müssen die Eltern einer Hochzeit zustimmen. Auch darf sich das Paar nach wie vor nicht wirklich vor der Ehe treffen – es wird vorab jedoch über Telefon und Socialmedia kommuniziert.

Lediglich bei den Tuareg-Berbern in der Sahara darf die Frau selbst aussuchen welchen Mann sie heiraten möchte.

 

Die „Blauen Männer“ in der Sahara

 

…sind zu einem festen Begriff geworden. Als „Tuareg“ werden meist Stämme in der Zentralsahara und im Sahel von Niger und Mali genannt, da sie Kopf und Gesicht mit einem dunkelblauen Tuch verhüllen und häufig blaue Umhänge (über der oft weißen Kleidung) tragen. Diese Bezeichnung ist in Anbetracht der eigentlichen Hintergrundgeschichte jedoch nicht korrekt.

Historisch ist die Bezeichnung „Blaue Männer“ für diejenigen Mauren der Westsahara verbürgt, die sich unter dem Scheich Ma ‚el- cAinain Ende des vorletzten Jahrhunderts in den südlich von Marokko gelegenen Wüstengebieten sammelten. Sie trugen eine blaue Djellaba (langes Übergewand mit Ärmeln), einen blauen Burnus (offener Kapuzenmantel) und ein blaues Turbantuch. Die einheitlich blau gefärbte Kleidung war ein Zeichen für die Zugehörigkeit zur stammesübergreifenden Bewegung Ma ‚el- cAinain’s. Diese „Blauen Männer“ waren aktiv im bewaffneten Kampf gegen Räuber und Mörder, die Karawanen überfielen. Später richtete sich ihr Widerstand gegen die Kolonialmächte und auch gegen das marokkanische Sultanat.

 

Indigo ist eines der ältesten pflanzlichen Farbmittel

 

Als kriegerische Nomaden hatten die „Blauen Männer“ keine Textilproduktion, sondern erwarben Stoffe und Kleidungsstücke auf den lokalen Märkten. Das Indigo-Blau hatte man bereits viel früher schon zum Färben von Stoffen entdeckt: die ältesten Funde stammen aus einer Steinzeithöhle in Frankreich. In Mumien der Ägypter (2.000 v. Chr.) wurden mit Indigo gefärbte Bänder gefunden. Den ersten schriftlichen Hinweis gibt Caesar in seinem Buch über den Gallischen Krieg: „Alle Britannier färben sich mit vitrum (Waid) blau, und sehen daher in der Schlacht ganz schrecklich aus.“ Der aus dem Waid gewonnene Brei wurde zu Kugeln getrocknet, dann in den Wintermonaten mit Urin angefeuchtet und nach Zugabe von Pottasche vergoren. 300 kg Pflanzenmaterial lieferten etwa 1 bis 1,5 kg Indigo.

In den Wüstengebieten wird der Farbstoff aus der Indigopflanze gewonnen, wovon in der südlichen Sahara 11 verschiedene Arten wachsen – Rohmaterial zum Färben ist also reichlich vorhanden. Die Indigopflanze selbst enthält jedoch lediglich eine Vorstufe des blauen Farbstoffs, das gelblich-weiße Indican, welches man zunächst in eine wasserlösliche Form umwandeln muss. Dieses so genannte Leuko-Indigo (von griech. leukos = weiß) bindet locker an die Stoff-Fasern (bei längerer Färbezeit dringt es auch in Hohlräume der Fasern ein) und oxidiert dann beim Trocknen an der Luft durch den Sauerstoff, und dabei entsteht das wasserunlösliche Indigo-Blau.

Westsaharareisende des vorletzten Jahrhunderts berichteten, dass handbreite, blaugefärbte Baumwollstoffstreifen wegen ihres Einheitspreises sogar Währungscharakter hatten. Besonders wertvoll waren damals (und sind es heute noch) die glänzenden, nachtblauen Stoffe, die mehrfach gefärbt und dann viele Stunden mit Holzschlegeln geklopft werden, um einen metallischen Glanz zu erzeugen (ein Turbantuch aus diesem Material kostet mehrere hundert Euro).

Das häufig zu sehende Indigo-Blau – als Kleidung-, Kachel- oder Wand- und sogar Autofarbe – ist nicht zwangsläufig ein Hinweis auf Tuaregs, sondern eher der Tatsache geschuldet, dass der Farbstoff bereits früh entdeckt wurde. Womöglich ist seine häufige Verwendung auch darauf zurückzuführen, dass Blau zahlreichen Aberglauben zufolge besondere Eigenschaften besitzt wie etwa vor dem bösen Blick zu schützen.

 

Mit Ausnahme der Tuareg sind die Berber sesshaft

 

Vor allem ist Gastfreundschaft in der Kultur der Berber tief verankert – eine Einladung zum Essen ist daher nicht selten. Bei den Berbern gibt es zwei Hauptmahlzeiten, Morgens und Abends; letztere ist die reichlichere. Man isst auf der Erde hockend und allgemein mit der Hand aus einer Schüssel, die Frauen und Kinder getrennt von den erwachsenen Männern. Für Suppen und flüssige Speisen hat man hölzerne Löffel. Wenn aber z. B. fünf oder sieben Personen aus einer Schüssel Suppe essen, so hat man in der Regel nicht mehr als zwei, höchstens drei Löffel, welche im Kreis herumgehen. Wird ein Getränk, sei es nun saure Milch oder Wasser, herumgereicht, so kreist die Schüssel ebenfalls.

 

Ein Wüstenzelt sollte auch für mich eine kurze Zeit mein Zuhause sein

 

Ich hatte „Yoga“ und „Wüste“ gegoogelt und ebenso wie Brigitte Redakteurin Meike Dinklage M’barek Oussidi gefunden, einen Deutschmarokkaner aus Kiel, der Krankenpfleger ist, Yoga liebt, so oft es geht Yoga-Reisen in seine Heimat organisiert und sie begeistert selbst begleitet. Seine Reisen versorgen seine ganze Familie: Berber, die vor 60 Jahren sesshaft wurden und die Oase Merzouga gründeten, einen grünen Flecken mit rund 500 Einwohnern nahe der Grenze zu Algerien. M’bareks Bruder Hassan hat Kamele, Bruder Ibrahim eine Tourguide-Lizenz, Neffe Mohammed ist ein guter Koch und Musiker, und M’barek selbst ist ein Charmeur und Problemlöser, womit alles abgedeckt ist, was man für eine Wüstentour braucht.

 

Ebenso wie Meike Dinklage befand ich mich nun also in Süd-Marokko, am Rande der Sahara, und vor mir lag eine Bilderbuchwüste. Sand in seinen verschiedensten Formen und haptischen Beschaffenheiten, zu watteweichen Bergen aufgetürmt oder zu harten flachen Ebenen gepresst in allen Farben von Beige, Ocker, blass-rosa und Orange bis Glutrot.

 

Und ähnlich wie es Meike Dinklage in ihrem Artikel für Brigitte 25/2014 schreibt würde ich in den kommenden Tagen würde auf Dünen sitzen und meine Gedanken in den weiten Himmel entlassen. Ich würde morgens mit Tee geweckt werden und abends Couscous mit reichlich Gemüse essen, mich an den tanzenden Flammen des Lagerfeuers wärmen und den Trommeln lauschen. Ich würde zu den unzähligen Sternen hinaufstarren bis es zu kalt wird und dann, mit Mütze und Schal ausgestattet, die Füße unter die Wärmflasche am Fuße meines Schlafsack bohren und die schweren Kamelhaardecken bis zur Nasenspitze heraufziehen.

 

Und ich würde 5 Tage lang nur eine einzige Aufgabe haben: morgens und abends ebenso entspannt wie ausführlich Yoga üben. Ich würde Dünen raufkraxeln und herunterschlittern, Sonnenauf- und -untergänge bestaunen, mal hier ein bisschen und da ein bisschen unverbindlich mit anderen aus der Gruppe plaudern, auch viel schweigen… Ansonsten herumtrödeln, richtig viel nichts tun und möglichst wenig an das was hinter bzw. vor mir liegt denken. Einfach nur im Hier und jetzt inmitten vom Nirgendwo sein.

 

 

 

 

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